Sa, 31.07.2010
Jahrgang 11, Nr. 3865
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Normalerweise stehen in diesem Zimmer Milchprodukte im Mittelpunkt des Interesses.
Markus Ebner erklärt den Unterschied zwischen dem Tief- und dem Hochdruckverfahren.
Die Schüler sprechen über ihr Eindrücke und Interpretationen.
Fachlehrer Ernst Friedli bedankt sich beim Künstler für die Kunstlektion.

Vom Kratzen und Ätzen
Der Radierer Markus Ebner zu Besuch im Berufsbildungszentrum Wil, dessen angewandte Technik interessierte besonders.

30.11.2005, Christoph Oklé
Der Künstler Markus Ebner, dessen Bilder im Berufsbildungszentrum Wil hängen. besuchte verschiedene Klassen, um die Lehrlingen in die Technik des Radierens einzuführen.

Seit dreieinhalb Wochen schmücken 32 grossformatige Farbradierungen von Markus Ebner alle drei Etagen des renovierten Berufsbildungszentrums Wil. Diese seien bei der Lehrer- wie auch bei der Schülerschaft auf reges Interesse gestossen, erklärte der Kulturbeauftragte des BZ Wil Alex Häne.

Doch nicht nur über die Grafiken selber, sondern auch über die Herstellungstechnik habe man mehr erfahren wollen. Und was habe da näher gelegen, als den Künstler einzuladen, über sein Fachgebiet zu informieren? Aus diesem Grund war Markus Ebner in der vergangenen Woche mehrfach in verschiedenen Klassen zu Besuch. Gestern weihte er die Milchpraktiker in die Kunst des Radierens ein.

Technik und Geschichte
Zu Beginn der Lektion, in der Fachlehrer Ernst Friedli im Zimmer 11 normalerweise über die Herstellung von Käse, Butter und Joghurt spricht, erklärte Markus Ebener den Begriff des Radierens. „Ist das Gümmelen?“ wollte ein Schüler wissen und erhielt vom Künstler ein ja plus die ausführliche Definition: „Radieren kommt vom lateinischen Wort ‚radere’ (wegnehmen, entfernen), also das Gleiche, was man mit einem Radiergummi tun kann.“

Allerdings handelt es sich in diesem Fall um eine Tiefdrucktechnik, das heisst die druckenden Teile liegen tiefer als die nicht druckenden. Das Motiv wird in eine Kupferplatte eingekratzt oder geätzt. Zum Druck wird die Platte mit Farbe eingerieben und mit einem Tuch wieder blank gewischt, wobei die Farbe in den Vertiefungen bleibt. Die eingefärbte Platte wird mit einem angefeuchteten Paper durch die Presse gezogen. Dabei nimmt das Papier die Farbe auf und es entsteht ein Abdruck.

Dieses Verfahren muss bei jedem Abzug wiederholt werden. Und somit ist jeder auch ein Unikat – „Genauso wie ein Käse“, meinte Ebner zu den Lehrlingen.
Entstanden ist die Radiertechnik im 15. Jahrhundert aus der Goldschmiedekunst. Die ersten Tiefdrucke waren Kupferstiche. Albrecht Dürer war einer der Pioniere. Er hatte vor allem den Kupferstich perfekt beherrscht, hat aber auch schon erste Versuche mit der Ätzradierung (mit Säure) und mit der Kaltnadel (mit Nadel geritzt) gemacht.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Radierung von vielen namhaften Künstlern und Grafikern als Ausdrucksmittel entdeckt, wie etwa von Rembrandt van Rijn.

Auch künftig Diskussionen
Bereits zuvor hatten sich die Milchpraktiker-Lehrlinge mit den Werken auseinandergesetzt. Und bei einem Rundgang mit dem Künstler konnten sie von ihren Eindrücken berichten. Dabei wagten einige von ihnen auch den Versuch von persönlichen Interpretationen
Die Ausstellung dauert zwar nur noch bis zum 23. Dezember. Doch hatte die Schulleitung den Erwerb von sieben Bildern beschlossen.

Und damit haben die Berufsschülerinnen und Berufsschüler auch weiterhin Gelegenheit, sich mit diesen Werken auseinanderzusetzen und miteinander darüber zu diskutieren. Vielleicht hat der Künstler Markus Ebner mit seinen Lektionen bei den einen oder andern das Interesse an dieser Technik geweckt. Und wer weiss – eines Tages hängen auch mal Werke von Schülerinnen und Schülern an den Wänden des Berufsbildungstempels im Lindenhof.


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