Mi, 07.12.2016
Jahrgang 17, Nr. 6186
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Dr. Maja Hess, Präsidentin von medico international schweiz.
Jochi Weil, Projektkoordinator Palästina/Israel bei medico international schweiz.

Palästina , Gaza – Westbank: Trauma und Hoffnung.
Dr. Maja Hess und Jochi Weil sprachen über die zunehmende Verschlechterung der humanitären Situation für die Bevölkerung in Palästina und über die Anstrengungen, die von medico international schweiz unternommen werden, das Elend zu lindern.

04.10.2007, Gerhard Kasper
„Die PalästinenserInnen lassen sich nicht in 'Gute' (in der Westbank) und in 'Schlechte' (im Gazastreifen) trennen. Es kann nur eine gemeinsame Lösung geben: nach einem Ende der israelischen Besatzung.“

Über die nachhaltige basismedizinische Projektarbeit im palästinensischen Kontext informierten Dr. Maja Hess, Oberärztin an der Psychiatrischen Klinik Wil und Präsidentin von medico international schweiz und Jochi Weil, Projektkoordinator Palästina/Israel.

Die täglichen Informationen über die Auswirkungen der israelischen Besatzung in Palästina sind niederschmetternd: Im Gazastreifen sind derzeit gut 1.3 Millionen PalästinenserInnen wie in einem Gefängnis eingesperrt.

Jochi Weil
Der Projektverantwortliche Palästina/Israel bei medico international schweiz berichtete einerseits über persönliche Erfahrungen im Gazastreifen und anderseits über geschichtliche, politische und militärische Entwicklungen in jenem Gebiet. Er zitierte aus den Abendnachrichten vom 20. September, dass die israelische Regierung beschlossen habe, der Bevölkerung Gazas die Zufuhr von Elektrizität, Trinkwasser und Treibstoff spürbar zu drosseln. Etwa 1.4 Millionen palästinensische Menschen (…) würden von dieser Massnahme, die als Kollektivstrafe zu bezeichnen ist, arg betroffen. Es sei dies die Antwort auf die dauernden Beschiessungen durch Kassam-Raketen auf israelisches Gebiet. Diese wirtschaftlichen Massnahmen verhärten die Situation jedoch immer mehr. „Besteht nicht die Gefahr, dass sich immer mehr Menschen mit jenen solidarisieren, die für gewaltsamen Widerstand gegen Israel sind?“, fragte Weil weiter.
Dieses repressive Szenario könnte auch als „Schuss vor den Bug“ zu verstehen sein, dass Hamas die Raketenangriffe durch den Jihad Islami endlich zum Stoppen bringen sollte.
Israel kontrolliert auch nach dem Rückzug aus Gaza das Gebiet eisern, der gesamte Gazastreifen ist zum feindlichen Gebiet erklärt. Proteste gegen die Entscheide der israelischen Regierung nützen wenig bis gar nichts.

Wo bleibt vielleicht noch Hoffnung? Weil spricht überzeugt von der „medizinischen Brücke“ zwischen den israelischen und den palästinensischen Ärzten: „In Windeseile werden Ordinationsräume eingerichtet, in welchen die ‚Poliklinik durchgeführt' wird, (…) Dichtes Gedränge in den Gängen. Oft sind es über 200 Palästinenser, die gekommen sind (…) Was mich immer wieder beeindruckt, ist die Selbstverständlichkeit, wie Palästinenser und Israeli einander an Medical Days begegnen.“ Hoffnung?

Maja Hess
In einer eindrücklichen, wenn auch zeitlich recht gedrängten Diaschau zeigte Dr. Hess das Leben der Bevölkerung im heutigen Gazastreifen. Sogar in zerbombten Häusern – oder was davon übrig geblieben ist - leben die Menschen – sie haben keine andere Wahl. Wegen der Warenknappheit steigen die Preise, und der Lebensunterhalt wird schier unerschwinglich.

In diesem Umfeld hat medico international schweiz 2002 eine Ausbildung in „Psychodrama“ angefangen, eine Institution, die unter den Begriff Sozialpsychiatrie fällt, die aber auch einen Lehrauftrag und Ausbildungsauftrag hat: Im Zentrum steht dabei der tägliche Umgang mit Unterdrückung, Armut, gesundheitlichen Schwierigkeiten und Mangelsituationen; ausserdem geht es um die Stärkung von gewaltfreiem Widerstand gegen Entwürdigung „hin zu aufrechtem Gang“, wie Maja Hess bemerkte. Anderseits fördert medico die Zusammenarbeit mit israelischen Kräften zur Verständigung: vor allem die „medizinische Brücke“ der Physicians for Human Rights in Tel Aviv mit der Palestinian Medical Relief Society in Ramallah.
Die Frauen und Männer, die in der Gruppenmethode Psychodrama von medico ausgebildet werden, betreuen ihrerseits im Anschluss wiederum Gruppen als Instruktoren. Mit ihrer Tätigkeit helfen sie sowohl Kindern wie Erwachsenen, mit den Problemen und traumatischen Erlebnissen fertig zu werden.

Verhaftungen und Folter kommen sowohl auf Seiten der Fatah als auch der Hamas immer wieder vor; Unterdrückung führt zu Gewalt, und viele, vor allem Junge, sehen als Kämpfer und Märtyrer die einzige Chance aus der hoffnungslosen Situation. Viele Menschen ziehen sich auf und in sich zurück, sie versuchen sich abzukapseln und zum Beispiel mit Hilfe der Religion einen Schutzpanzer gegenüber der Aussenwelt um sich zu errichten.

Was die verzweifelte Lage im Gazastreifen überhaupt überlebbar macht, sind die Familienclans, ein Zusammenhalt innerhalb einer Familie, der weit über die Beziehung Eltern-Kinder hinausgeht. Ohne die gegenseitige Hilfe, auch von ausserhalb der Grenzen, wäre das Überleben kaum möglich. Trotzdem versucht, wer immer irgendwie dazu in der Lage ist, auszureisen – ein Unterfangen, das zurzeit höchstens auf dem (Um-)Weg über Einladungen ins Ausland realisierbar ist, demzufolge auf wenige Privilegierte beschränkt bleibt.

Die gegenwärtige Arbeit des medico-teams lässt sich in einem Vergleich darstellen: Unsere Arbeit ist ein Tropfen auf den heissen Stein – aber es ist wichtig, dass es immer weiter tropft!

Jubiläumsveranstaltung
Am 8.Dezember findet in Zürich die Jubiläumstagung 70 Jahre medico-css statt zum Thema „Nach dem Krieg: Wo bleibt die soziale Gerechtigkeit?“ Theatersaal des Restaurants Weisser Wind, Oberdorfstr. 20, Zürich. Anmeldung an info@medicointernational.ch


Mehr als zwanzig Interessierte folgten den Ausführungen von Maja Hess und Jochi Weil.
v.l. Jochi Weil, Philipp Gerber, Moderator, Dr. Maja Hess.

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