Das Publikum besteht zum grossen Teil aus interessierten Frauen. Frauen lesen allgemein mehr Bücher als Männer, denen Fachliteratur meist näher liegt.
Frau Schriber hat gar ihren eigenen Fanclub mitgebracht, Grösse unbekannt. Gutgelaunt wartet sie auf den Beginn ihrer Lesung.
Anja Nützi, Buchladeninhaberin, stellt die Autorin kurz vor. Die Atmosphäre inmitten all der Bücher weckt Lust auf viele Geschichten.
Und schon geht es mitten hinein ins traurige Geschehen. Manch dargelegtes Detail jagt kalte Schauer über den Rücken.
„Die falsche Herrin“ - Von wegen „Gute alte Zeit! Lesung von Margrit Schriber in der Buchhandlung Nützi in Uzwil
22.05.2008, Annelies Seelhofer-Brunner Archive können ergiebige Fundgruben für Autorinnen sein. Im Falle der Anna Maria Inderbitzin war dies eine einzige Protokollseite in den Archiven von Schwyz, welche Margrit Schriber zu ihrem Roman „Die falsche Herrin“ verführte. Auch Sagen gibt es zu diesem Gerichtsfall.
Samen wurde im Kloster gelegt Margrit Schriber besuchte die Klosterschule Ingenbohl und erregte schon damals mit ihren Aufsätzen Aufsehen.
Eine Nonne prophezeite ihr: „Aus dir gibt es ganz bestimmt einmal eine Schriftstellerin“. Allerdings war die Autorin damals noch überhaupt keine Leserin. Sie machte erst einmal eine kaufmännische Lehre, da sie hier gut maschinenschreiben lernen konnte, zudem mit Sprache und Schreiben zu tun hatte und schon damals wusste, dass auch Rechenkenntnisse durchaus von Nutzen sein können.
Im Alter von 28 Jahren, wie sie glaubhaft versicherte, habe sie ihr erstes richtiges Buch gelesen, sich dann ganz systematisch eine Bibliothek mit gegenwärtiger Literatur angelegt und danach sehr viel gelesen. Autorinnen oder Autoren mit Geschichten aus früheren Zeiten hätte sie links liegen lassen.
Zweiter historischer Roman Irgendwann aber sprangen die historischen Themen Margrit Schriber förmlich an. Nach ihrem ersten historischen Roman wandte sie sich erneut einer Frauenfigur zu, die zwar aktenkundig, aber sehr spärlich beschrieben worden war. So blieb viel Raum für die eigene Gestaltung, wobei das Umfeld aus der damaligen Zeit ins Geschehen einbezogen werden musste.
Anna Maria Inderbitzin war eine arme Waise, bei einem geizigen, lüsternen Vormund versorgt und für nichts Anderes gut als für die harte Arbeit einer Wäscherin. Schon früh wusste die junge, hübsche Frau, dass dies nicht alles gewesen sein könne. Wir finden Anna Maria Inderbitzin, die „Bitzenin“, wie man sie allgemein nannte, 1722 vor den Schranken des Gerichts wieder. Sie habe gestohlen, wirft ihr Vormund Bossert vor. Es scheint aber vielmehr, als habe sie seinen Avancen nicht länger zu Willen sein wollen.
Durch eine Mauerritze hat sie vorher in einen wunderschönen Garten einer reichen Frau gesehen und sich geschworen, eines Tages auch so in einem Paradiesgarten zu leben. Aus den Worten des Anklägers Bossert hört man die absolute Gewissheit über die eigene Rechtschaffenheit heraus, eine Selbstgerechtigkeit, die abstösst.
Drakonische Strafen Arme Menschen hatten nie etwas zu lachen, schon gar nicht im 18.Jahrhundert. Und so passiert es auch, dass der Bettelvogt ihr das Mieder öffnen und sie entkleiden darf, um an ihr die Strafe „schlagen bis aufs Blut“ vollziehen zu können. Das Mädchen sinkt zwar in die Knie, bleibt aber dennoch stolz und lässt die schlimme Tortur über sich ergehen.
Im Roman heisst es: „Während der ganzen Zeit lässt sie kein Auge vom Richter und seiner Tabatiere, die er spielerisch kreisen lässt.“ Nach der Auspeitschung wird sie „zur Besserung“ entlassen. Doch wohin kann sie jetzt gehen? Eine derart bestrafte Person musste um ihr Leben fürchten, wenn sie wegging. Aber auch am Ort war sie eine Ausgestossene.
Erfüllung eines Traums Anna Maria nimmt ihr Leben in die eigenen Hände. Sie hat gehört, dass es in Versailles den wunderschönsten Garten gebe. Aus biblischen Geschichten kennt sie den Garten Eden. Den will sie um alles in der Welt sehen. So wandert sie gegen Westen.
In der Dordogne findet sie ein Haus, das ihren Vorstellungen entspricht. Sie ist zwar in Lumpen gekleidet, kann auch kaum ein paar Brocken Französisch, aber ihr Wunsch nach dem Paradies brennt derart in ihrem Inneren, dass es ihr leicht fällt, sich als eine Tochter des Landammanns Reding aus Schwyz auszugeben. Sie hat sich bereits ein herrisches Wesen angeeignet und bekommt so alles, was sie will. Sie hat durch genaues Beobachten gelernt, wie man auftreten muss, um einen Platz an der Sonne zu ergattern.
Wäscherinnen erinnern sich Die Kolleginnen der Bitzenin erinnern sich an das junge, übermütige und lebensfrohe Mädchen, das Farbe in ihre Welt brachte und ihren Alltag bereicherte. Nun ist alles grau, auch der Arbeitgeber Bossert ständig missgelaunt.
Immer wieder entsinnen sie sich launiger Begebenheiten wie die, als Anna Maria noch splitternackt im Bottich badete, wenn alle Wäsche gewaschen und das Wasser schon zünftig ausgebeutet worden war. Dabei wurde der gnädige Herr Bossert zu seinem Verdruss geschickt ausgesperrt.
Erneut vor Gericht Das geht lange gut, aber leider fliegt das Ganze auf. Man schleppt die Bitzenin nach Schwyz und erneut vor den Richter. Und weil es noch viel verwerflicher ist, dass sich eine junge, mittellose und erst noch recht unbotmässige junge Frau als Herrin ausgibt, wird die Todesstrafe ausgesprochen.
Der Richter hält ihr vor, sie sei ein Nichts. Doch das lässt sich Anna Maria nicht gefallen und widerspricht: „Ich bin jemand, jawohl!“ Gefängnisse waren damals nur für die Zeit bis zur Verhandlung eingerichtet, nachher musste man sich die Übeltäter, ob Mann oder Frau, vom Halse schaffen. Da war die Todesstrafe sehr praktisch! Und Recht sprechen durften sowieso nur Männer, Frauen hatten da nur als Angeklagte etwas zu suchen!
Gesellschaftliche Umstände Heute scheint undenkbar, dass ein sechsjähriges Mädchen ohne irgendwelchen familiären Anhang zu einem älteren Herrn ohne jede Aufsicht gegeben wird. Doch früher war das gang und gäbe. Es gab eine klare Ordnung: hier die Herrschaften, die Reichen, die Adeligen.
Dort die Armen, die sich zu unterziehen hatten und keinerlei Ansprüche anmelden durften. Da war eine junge, attraktive und bestimmt auch kluge Frau ein gefundenes Fressen, wenn sie sich den Vorstellungen ihrer Umgebung nicht fügte. Zudem waren so junge Dinger vielfach Freiwild für Männer mit einem weiten Moralbegriff.
Sprache, die mitgehen lässt Margrit Schriber verwendet eine Sprache, die gut verständlich ist, mit interessanten Wortbildern, die sich einprägen. Mit ruhiger Stimme las die Autorin vor, liess dabei dem Publikum immer wieder einmal Zeit zum Verschnaufen von den grausigen Details einer unbarmherzigen Gerichtssprechung, dies vor allem in Szenen, die die Stärke der jungen Frau zeigten.
In der anschliessenden Fragerunde erzählte sie, dass es in der Innerschweiz auch Sagen zu dieser Figur gebe. Ein Mann - solche sassen, wenn auch nur vereinzelt, ebenfalls im Publikum – fragte, ob damals wohl auch ein Mann hätte die Todesstrafe gewärtigen müssen, wäre er als Hochstapler aufgetreten. Margrit Schriber bejahte das. Schliesslich war so ein Gebaren ein öffentliches Ärgernis, bedrohte die sorgsam gehütete Hierarchie im Gesellschaftsgefüge.
Sie wies auf eine weitere Frage auch darauf hin, dass ein historischer Roman eine eigene Sprache erfordere. Den Schluss sparte sich die Autorin geschickt auf. Schliesslich soll das Buch ja auch noch gekauft und gelesen werden. Die Lesung machte durchaus Lust darauf!
Angaben zur Autorin
Angaben zur Autorin und ihrem Werk können auf www.margrit-schriber.ch nachgelesen werden. Dort sind alle bisher erschienenen Bücher aufgelistet. Dazu gibt es Presseberichte über frühere Lesungen.
Die Gerichtsverhandlung lässt schaudern, grausig ist es, hier zuzuhören. Aber so war es leider 1722. Und heute?
Die Autorin beantwortet Fragen aus dem Zuhörerkreis. Fantasie und nachzulesende Tatsachen wurden zu einem spannenden, nicht kühl lassenden Ganzen verwoben.