Do, 16.10.2008
Jahrgang 9, Nr. 3212
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Ellen Schout (rechts) und Helen Hälg haben mit Peter Leuzinger - er konnte leider nicht mitfeiern – den speziellen Gottesdienst vorbereitet.
Die Reihen füllen sich immer mehr, sogar die hintersten Bänke werden teilweise besetzt.
Voller Aufmerksamkeit für die Klezmermusik mit ihren doch etwas heikleren Rhythmen: Gerhard Spycher am E-Piano.
Das Licht in der Mitte bringt Helle ins Geschehen.

Das Leben feiern – ökumenischer Abendgottesdienst
Dem „weissen Feuer“ auf der Spur

17.06.2008, Annelies Seelhofer-Brunner
Viermal im Jahr feiern evangelische und katholische Gläubige aus Oberuzwil und Uzwil an wechselnden Orten einen ganz speziellen Gottesdienst. Diesmal wurde das Buch Ruth mit Leben gefüllt. Alle Gottesdienstbesuchenden waren eingeladen, sich mit ihrer persönlichen Lebenserfahrung einzubringen. Erfreulich viele Männer und Frauen folgten der Einladung in den Chorraum der Evangelischen Kirche in Oberuzwil.


Das weisse Feuer
In der jüdischen Tradition darf zwar der Buchstabe der Schrift – das „schwarze Feuer“ – nicht verändert, wohl aber der Zwischenraum – das „weisse Feuer“ – mit eigenen Gedanken gefüllt werden. Ellen Schout Grünenfelder und Helen Hälg liessen den Gottesdienstgästen viel Freiheit, ihre persönliche Erfahrung in die Auslegung einfliessen zu lassen. Diese Art der Predigt – Bibliolog anstatt Monolog – lässt Raum für das eigene Mitdenken, ohne den Text unkenntlich werden zu lassen. Erst wurden die Besucherinnen und Besucher aufgefordert, einzelne Wörter oder Satzfetzen, die ihnen ins Auge gesprungen waren, den Mitfeiernden weiterzugeben.

Sich in die Personen einfühlen
Die Geschichte von der Jüdin Naomi – in der Lutherübersetzung von 1984 „Noomi“ geschrieben – und ihren Schwiegertöchtern Ruth (Lutherbibel: Rut) und Orpa ist eine Geschichte voller Trauer, Ungewissheit, aber auch von Treue, Hoffnung und grossem Gottvertrauen. Ellen Schout leitete dazu an, sich in die verschiedenen Figuren der Geschichte – Ruth, Orpa, Elimelech (den verstorbenen Gatten) und Naomi einzufühlen und lud die Gemeinde ein, die eigenen Gedanken in die Runde zu geben. Ohne lange Pause begann der Bibliolog, die verschiedenen Aussagen füllten den Text mit Leben. Auf jede Aussage gab es eine bestätigende Rückmeldung durch Ellen Schout. Diese Art des Textzugangs vertiefte den Zugang zur sicher recht bekannten Geschichte und erschloss sie so neu.

Emotionale Verstärkung mit Klezmermusik
Zwischen den Auslegungselementen verwöhnten Gerhard Spycher, E-Piano und Anita Freund, Saxofon, die Gemeinde mit wundervollem Klezmermelodien. Das Saxofon, der menschlichen Stimme vor allem in melancholischen Stücken sehr ähnlich, verschmolz mit den Pianoklängen und liess die Füsse mancher Teilnehmenden ohne eigenes Zutun wippen.

Klezmermusik enthält alles, was die jüdische Geschichte ausmacht: Lebensfreude, Verlorenheit, Unvorhergesehenes, Hoffnung, Melancholie, überraschende Taktwechsel und in der Schwebe bleibende Schlüsse. Auf dem Abendmahlstisch brannten die Kerzen auf dem Siebenarmigen Leuchter, in der Mitte des Kreises leuchtete ebenfalls eine Kerze, Licht als Hoffnung für eine unvollkommene, oftmals fremde Welt, wo der Fremdling fremd bleibt, bis ihm jemand Hoffnung auf ein neues Leben gibt.

Liturgisches Gerüst als vertrautes Element
Die Gemeinde durfte sich auch singend ausdrücken, einzelne Personen brachten ihre Fürbitten vor Gott, gemeinsam wurde das Unservater – Vaterunser – gebetet – auch hier wurde Tradition mit neuen Elementen verbunden. Helen Hälg las auf eindrückliche Weise Gebete aus der jüdischen Tradition, so zum Gottesdienstbeginn, zu traurigen Lebenserfahrungen und zum Lobe Gottes. Diese Art des Gottesdienstes könnte eine neue Art des Zugangs zu biblischen Inhalten sein, angeleitet durch eine gut vorbereitete Person, getragen durch alle Teilnehmenden. Die Verbindung von Wort und Musik, Stille und öffentlich gemachten inneren Gedanken lässt einen Text ganz besonders innerlich ankommen.


Gerhard Spycher und Anita Freund bringen mit ihren melancholischen, rhythmisch anspruchsvollen Klezmerstücken aus dem jüdischen Osten Europas manchen Fuss zum Wippen.
Hoffnung trotz Unterdrückung und Leid: die Klezmermusik hat alle Bosheit, alle Verfolgung überlebt und bringt auch heute Hoffnung und neuen Schwung, durch den Mann auf dem Bild auf wunderbare Weise illustriert.
Musik macht den Musizierenden sichtlich Spass, beglückt aber auch alle Teilnehmenden an der bewegenden Gottesdienstfeier.
Der Siebenarmige Leuchter – die Menora - symbolisiert wie kaum etwas Anderes die jüdische Tradition.
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