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Wie ist ein friedliches Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen möglich?
1. ökumenischer Bildungsabend 2009 der beiden Oberuzwiler Kirchgemeinden.
Annelies Seelhofer-Brunner
Es gibt unzählige Vorurteile gegen Menschen, die dem Islam angehören. Dabei leben heute um die 350'000 Menschen muslimischen Glaubens in unserem Land, arbeiten hier, schicken ihre Kinder zur Schule und sind in der Wirtschaftswelt nicht mehr wegzudenken.
Pfarrer Alfred Enz leitete mit ein paar Gedankenanstössen den Abend ein. Er wies darauf hin, dass das Thema „Muslime – Christen“ vielerorts heiss umstritten sei. Dass es Vorurteile zuhauf gebe, Missverständnisse bis hin zum Generalverdacht, jeder Muslim sei ein Attentäter. Ziel des Abends sei es, die den hiesigen Menschen doch eher fremde Religion etwas näher zu bringen und mehr Verständnis dafür zu bekommen.
Er erinnerte daran, dass vor noch nicht allzu langer Zeit sich in der Schweiz Katholiken und Reformierte oft unversöhnlich gegenüberstanden, einander kein eigenes Gotteshaus gönnen mochten und sich gegenseitig mehr als misstrauten. Hier hat sich vieles geändert, der ökumenische Gedanke hat sich in vielen Köpfen festgesetzt.
Friedliches Zusammenleben seit 2000 Jahren Alfred Enz hat während seines Bildungsurlaubes in Ägypten und Äthiopien gesehen, wie in diesen Ländern teilweise Minarett neben Kirchturm steht, die Menschen seit 2000 Jahren einander leben lassen und friedlich miteinander auskommen. Der Islam ist jedoch, genau wie auch das Christentum, nicht einfach ein Ganzes, sondern in verschiedenen Ausrichtungen vorhanden. In der Schweiz kommen 21 % der Moslems aus der Türkei, 11 % sind Schweizer Bürger, 4 % stammen aus dem Maghreb und andern afrikanischen Staaten und mehr als 60 % aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien (Kosovo, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina). Da ist es nötig, dass es ein gegenseitiges Kennenlernen gibt.
ISLAM = FRIEDEN Seit 10 Jahren stellt sich der aus Mazedonien stammende Imam Bekim Alimi den Fragen und Ängsten vieler Schweizerinnen und Schweizer. Er ist auf unzähligen Podien gerngesehener Gast, klärt auf und beeindruckt mit seiner sachlichen, von feinem Humor begleiteten Art. Sein Credo lautet: *Miteinander statt übereinander reden*, ein Vorhaben, das sich bei allen Missverständnissen bewährt. Auch diese Weltreligion stammt, genau so wie das Judentum und das Christentum, aus dem Raume des Nahen Osten. Bekim Alimi zeigte auf, dass im Arabischen die Wörter ISLAM und FRIEDEN die genau gleiche Wurzel haben. Weil Selbstlaute nur mit Zeichen über oder unter den Mitlauten angedeutet werden, sieht das Gerüst für beide Wörter so aus: SLM = SLM. SELAM heisst gleichviel wie SHALOM, der jüdische Friedensgruss. „Im Namen Allahs, des Barmherzigen und Gnädigen“ beginnt jedes Gebet.
Woran glauben Muslime? Muslime glauben an Allah, was soviel wie Gott auf Arabisch heisst. Grösster Wunsch Gottes sei es, dass sich Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen gegenseitig kennenlernten. Im Islam ist es verboten, eine Menschenseele zu töten. Ein gläubiger Muslim glaubt an Engel, die Heilige Schrift, an die Propheten, den Jüngsten Tag und an das Schicksal. Zwischen seinen Ausführungen auf Deutsch streute Bekim Alimi immer wieder Textstellen aus dem Koran – natürlich auf Arabisch – ein. Der Journalist Oscar Bergamin, für den unabkömmlichen muslimischen Arzt Misham Maizar eingesprungen, bediente dabei den Laptop, um die wunderschönen arabischen Koranverse auch optisch zu zeigen. Gott nennen in Ägypten auch die Christen „Allah“, dieser Name ist älter als der Islam. Es gibt 99 schönste Namen für Allah, oft mit einer Art Rosenkranz als Gedächtnisstütze gebraucht.
Engel und wichtige Bücher Die Welt eines Muslims ist dreigeteilt. Die Dämonen werden dem Feuer zugerechnet, können gut oder böse sein. Der Mensch gehört zur Erde, und die Engel sind einzig dem Guten zugetan. Engel spielen im muslimischen Glauben eine grosse Rolle. Sie haben ganz verschiedene Rollen, so bringt GABRIEL die göttliche Offenbarung den Propheten, MICHAEL ist für die Vorgänge in der Natur zuständig, AZRAEL nimmt die Seelen der Verstorbenen auf und Israfil wird das Horn blasen zum Jüngsten Gericht. Ein Muslim ist ein *Gottergebener“.
Muslime glauben an die Aussagen der Thora (Moses), die Psalmen (David), das Evangelium (Jesus) und den Koran (Mohammed. Es gibt keine Unterschiede zwischen den Büchern. Der Koran besteht aus 114 mit Namen versehenen Suren, von denen 113 mit der BASMALA „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“) anfangen. Das Buch ist in 30 Kapitel unterteilt und enthält im Ganzen 6666 Verse.
Wichtige Rituale vor dem Beten Ein gläubiger muslimischer Mensch muss fünf Vorgaben einhalten, bevor er betet. Als erstes gibt es die rituelle Reinheit, die durch Waschungen (wudhu) in strikt vorgeschriebener Reihenfolge und Anzahl erreicht wird. Auch die Körperhaltung muss je nach Gebet angepasst werden. Für die täglich fünf Gebetszeiten ist der Sonnenstand massgebend. Der Körper soll bedeckt sein - auch das Haupthaar - und die betende Person nach Mekka ausgerichtet. Es gibt dafür ganz spezielle Gebetskompasse. Eine Pilgerfahrt - einmal im Leben - nach Medina gehört ebenfalls zu den Pflichten eines Muslims.
Barmherzigkeit Es gehört zu den Pflichten von muslimischen Gläubigen, vom in einem Jahr ersparten Geld 2,5 % den Armen zu spenden. Das wird jedoch leider nur von vielleicht 5 % gemacht. Hauptziel des Fastens im Ramadan ist es, gottesfürchtig zu werden. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang darf weder Nahrung noch Tranksame eingenommen werden, wohl aber danach. Kinder, Reisende, Schwangere und Kranke sind von den Vorschriften ausgenommen.
Da ein islamisches Jahr nur 354 Tage zählt, nach dem Lauf des Mondes berechnet, wechselt der Beginn des Ramadan jährlich, was ein Segen für die Gläubigen ist. Je länger und heisser der Tag, desto schwieriger wird es, ohne Essen und Trinken durch den Tag zu kommen. Der Zyklus dauert 33 Jahre, bis der Ramadan wieder am gleichen Tag beginnt.
Eigene Wurzeln kennen Rolf Haag, Pfarreileiter aus Oberuzwil, dachte laut über die Verbindungen zwischen Christentum und Islam nach. In Klöstern finde das Gebetsleben seit Jahrhunderten nach strengen Ritualen statt, heute fünfmal am Tag. Leider habe sich vieles verflüchtigt. Das bessere Kennenlernen des Islams könne möglicherweise helfen, die eigenen Wurzeln wieder zu entdecken.
Die Gegenüberstellung der „Goldenen Regeln“ von Christentum, Judentum und Islam zeigten, dass im Grunde genau die gleichen Werte gelten. Es ist die Nächstenliebe, die dem Bruder, der Schwester in Notlagen hilft und zum tätigen Dienst am Mitmenschen aufruft. Frage an jeden gläubigen Menschen: Wie und wo lasse ich mich von meinem Glauben berühren? Wo berühre ich damit andere Menschen?
Ängste Hierzulande wie überall auf der Welt gibt es eine grosse Angst vor dem Fundamentalismus, dem Fanatismus und seinen verheerenden Auswirkungen. Viele Menschen schreiben das dem „Islam als Ganzes“ zu. Oscar Bergamin, Journalist der SÜDOSTSCHWEIZ und selber zum Islam übergetretener, sehr welterfahrener Mann beleuchtete den Begriff des Fundamentalisten etwas näher und gab zu bedenken, dass eigentlich jeder Glaube ein Fundament brauche. Heute sei der Ausdruck leider meist negativ besetzt. Er lobte ausdrücklich den Kanton St.Gallen, welcher einen vorbildlichen interreligiösen Austausch pflege.
Es leben nur 18 % der Muslime im arabischen Raum, die Sprache des Korans bleibt jedoch arabisch. In Schweizer Moscheen wird aber auch deutsch gepredigt. Wichtig ist es, sich gegenseitig zuzuhören, mehr auf die Gemeinsamkeiten als auf das Trennende zu schauen und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen.
Kurze Fragerunde Da für den 2. Bildungsabend eine Podiumsrunde zu den eher praktischen Fragen mittels vorgesehen ist, gab es beim ersten Abend nur ein kleines Zeitgefäss für brennende Fragen. Der grosse Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten wurde eingebracht und klar mit „Machtproblem" beantwortet. Dieser Konflikt begann schon kurz nach dem Tode des Propheten Mohammed, weil die Nachfolge nicht klar geregelt worden war und jede Seite diese für sich beanspruchte. Vielfach seien es aber auch einfach Abrechnungen unter den verschiedenen Gruppierungen, die dann alle dem Islam als Ganzes angelastet würden.
Die Frage nach der Stellung der Frau im Islam beantwortete Imam Bekim Alimi. Er führte aus, dass in seiner Religion Mann und Frau einander Freunde sein sollten. Das Kopftuch sei keine Frage der Unterwerfung, sondern der Ehrfurcht. Männer müssten, Frauen dürften arbeiten. Der Koran empfehle, nur eine Frau zu haben, was das Vorurteil der „Vielweiberei“ in islamischen Ländern widerlege. Ein Mann müsse für seine Frau sorgen, da sei es aus rein praktischen Gründen schon schwierig, mehr als eine Frau zu haben. In Nachkriegsgebieten wie Bosnien-Herzegowina, wo es augenblicklich noch 39 % Männer gebe, könne es vorkommen, dass ein Mann mehr als eine Frau habe, dies als Schutz für die Frauen.
Alfred Enz beendete den Abend mit dem Aufruf, doch offen auf andere Menschen zuzugehen und das Vertrauen auf Gott über die eigenen Ängste zu stellen.
Der 2.Abend findet ebenfalls am Dienstagabend statt (28.April), wieder im Evangelischen Kirchgemeindehaus Oberuzwil, diesmal mit einem erweiterten Kreis von Personen, die mit Menschen muslimischen Glaubens zu tun haben, vor allem aus dem Bereich "Schule" und "Deutschkurse für Frauen".
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