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Wil: 25.04.2009
Professor Hans Ruh stellte die Frage in den Raum: "Weshalb brauchen wir überhaupt Werte?"
Professor Hans Ruh stellte die Frage in den Raum: "Weshalb brauchen wir überhaupt Werte?"

"Der Mensch muss sich der Frage stellen, welchen Werten er nachleben will".
"Der Mensch muss sich der Frage stellen, welchen Werten er nachleben will".

„In jeder Krise sind ethische Forderungen Teil der Antwort“
Das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik behandelte der bekannte Wirtschaftsprofessor Hans Ruh in seinem Referat an der Kanti Wil.
Niklaus Jung
Professor Hans Ruh beschrieb in seinem Referat vom Donnerstag an der Kantonsschule Wil die aktuelle Wirtschaftskrise als Chance, Werthaltungen als Teil der Lösung anzugehen. Im Grössenwahn des unbegrenzten Wachstums sei der Mensch auf die List des Geldes hereingefallen. Ruh plädierte dafür, ethisches Wertverhalten zum Gewinnfaktor zu machen, indem sich Unternehmen ethisch qualifizieren lassen.

Unter Einladung von „WIFONA“ an der Kantonsschule Wil und der Evang. Kirchgemeinde Wil referierte Professor Hans Ruh, anerkannter Fachmann für Wirtschafts-, Unternehmens, Arbeits- und Umweltethik zum aktuellen Thema: „Wirtschaftskrise – eine Wertekrise?“. Eine grosse Zahl Kantischülerinnen und -Schüler erhielten aufgezeigt, ob sich Werthaltungen im Alltag lohnen. Der Anlass erhielt eine breite Abstützung durch WIFONA mit Projektleiter Beat Steiger und der Mitorganisation durch Pfarrer Christoph Casty von Evangelisch Wil.

Der Mensch braucht Werthaltungen
Weil Werte nicht sichtbar, aber dennoch in aller Munde sind, bezeichnete sie Professor Hans Ruh als Fixsterne am Himmel, im Kopf und im Herzen. Weil der Mensch mit der Besonderheit der Wahlfreiheit ausgestattet sei, handle er automatisch nach bestimmten Werten. Schon Plato habe sich dazu ausgedrückt: „Der Mensch braucht Ethik und Recht“. Neben der biologischen Steuerung besitze der Mensch ein kulturelles Programm.

Ohne Werthaltungen wären wir den Tieren gleich, der Schutz des Schwächeren wäre kein Thema mehr. Ohne Werthaltungen würde der Mensch seine Macht unbegrenzt ausdehnen. Ethische Steuerungselemente sind nach Ruh die Kardinalstugenden, Menschenwürde und menschliches Handeln allgemein.

Ethik wird in jeder Krise wieder Thema
Die Idee von Werthaltungen in der Wirtschaft spielt nach Ruh eine grosse Rolle. Allerdings habe es im 18. Jahrhundert auch einmal eine Zeit gegeben, wo es hiess: „Wirtschaft braucht keine Werte“. Jeder soll seinem Nutzen nachleben, und es habe auch funktioniert, gestand Ruh mit Erstaunen ein. Der Moralphilosoph Adam Smith habe dann diese Haltung wieder korrigiert mit der Forderung, Liberale Marktwirtschaft setze Nutzen und Gerechtigkeit voraus.

Ethik ist nach Ruh nach jeder Krise Thema geworden. Das Manifest der Kommunistischen Partei im 19. Jahrhundert habe viel Armut hervor gebracht, daraus sei die Lehre des Sozialstaates, die Idee des sozialen Ausgleichs hervor gegangen. Auch spätere Krisen hätten immer wieder ethische Forderungen ausgelöst.

Aktuelle Krise verlangt Neubeurteilung
Die laufende Wirtschaftskrise ansprechend machte Hans Ruh deutlich, dass das menschliche Mass überschritten wurde in den Bereichen Umwelt, Ressourcen, Schulden und Gewinnstreben. Der Mensch sei sozusagen auf die List des Geldes hereingefallen, darin wurde grenzenloses Wachstum verkannt. Die Globalisierung habe zu einem Demokratieproblem geführt, einer Anarchie gleich würden wir immer mehr fremdbestimmt.

Unsere Wut auf das was geschieht hat keinen Empfänger mehr, weil irgendwo in der Welt entschieden werde, ohne etwas dazu sagen zu können. Die Kräfte, die uns regierten, seien weg. Nach Ruh ist es nicht sicher, dass die Politik im alten Sinne eine Chance hat für Lösungen. Die Zivilgesellschaft muss an Stellenwert gewinnen. Vereine, Verbände, dort wo die Menschen ihr Recht in die Hand nehmen, sieht Ruh Lösungen machbar.

Werthaltungen als Teil der Lösung
Die aktuelle Wirtschaftskrise will Ruh mit Ethischem Wertverhalten lösen, welches als Gewinnfaktor funktioniert. Ökologie und Ethik können zu einer eigentlichen Wirtschaftsordnung werden, wenn immer mehr Geld aus fairem Handel erwirtschaftet wird, auch eine ethische Geldanlage könnte Thema werden.

Ruh nannte Schwerpunkte zur Neuordung des Wirtschaftssystems. Grosse Unternehmen sollen sich ethisch qualifizieren lassen und mit einer Ethiknote ausgestattet werden. Der Staat regelt nach Güte der ethischen Benotung im Bonus-Malus-System Standortvorteile und Steuererleichterungen. Der Konsument müsse sich den Fragen bezüglich Nachhaltigkeit in vielerlei Belangen stellen und ethisch orientierte Produkte honorieren. Auch Geldinstitute müssten sich überlegen, wo sie ihre Milliarden anlegen wollten. Auch hier könnten ethische und ökologische Prinzipien nachgelebt werden.

Abschliessend machte der Ethik-Professor Hans Ruh deutlich, dass die aktuelle Krise ethisches Handeln erfordere, soll sie innert nützlicher Frist bewältigt werden. Ruh schloss seine Ausführungen mit dem Satz: „Wir haben gar keine andere Wahl“. Die Krise könne als Weg in eine neue Welt genutzt werden.

Professor Hans Ruh persönlich
Prof. Ruh (*1933) hat protestantitische Theologie studiert und war bis 1998 Professor für Systematische Theologie mit Schwerpunkt Sozialethik an der Universität Zürich. Er ist ein anerkannter Fachmann in Wirtschafts-, Unternehmens-, Arbeits- und Umweltethik.

Zur Zeit arbeitet er an einem Buch über das Verhältnis von Wirtschaft und Ethik. Bekannt aus seinen rund 500 Publikationen und teilweise in mehreren Auflagen erschienenen Büchern sind u. a. „Die Zukunft ist ethisch - oder gar nicht“, „Störfall Mensch“, „Ethik im Management“, „Argument Ethik“.

Bei den Kanti-Schülern erreichte Hans Ruh mit seinem Referat jene Generation, welche die Welt von morgen gestalten wird.
Bei den Kanti-Schülern erreichte Hans Ruh mit seinem Referat jene Generation, welche die Welt von morgen gestalten wird.

Die Bewältigung der Wirtschafts- und Wertekrise erfordert den Beitrag von Schule, Religionsgemeinschaften und Wirtschaftswelt.<br>Mit Pfarrer Christoph Casty, Professor Hans Ruh, WIFONA-Projektleiter Beat Steiger und Anlass-Sponsor Urs Kuhn von swissregiobank waren alle dabei.
Die Bewältigung der Wirtschafts- und Wertekrise erfordert den Beitrag von Schule, Religionsgemeinschaften und Wirtschaftswelt.
Mit Pfarrer Christoph Casty, Professor Hans Ruh, WIFONA-Projektleiter Beat Steiger und Anlass-Sponsor Urs Kuhn von swissregiobank waren alle dabei.