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Visionen einer nachhaltigen Gemeindeentwicklung
Spannende Podiumsdiskussion am Thurgauer Stadt- und Gemeindeammännertag
Rita Schmidlin
Der Verband Thurgauer Gemeinden hat seinen Stadt- und Gemeindeammännertag 2010 zum Thema „Nachhaltige Gemeindeentwicklung“ in der Kantonsschule Wil durchgeführt. Der Vormittag war mit Referaten und einer Podiumsdiskussion reich gefüllt, am Nachmittag stand einer Führung durch die Wiler Altstadt auf dem Programm.
Roland Kuttruff, Präsident des Verbandes Thurgauer Gemeinden VTG, begrüsste in der Aula der Kantonsschule die Teilnehmer des Stadt- und Gemeindeammännertages 2010. Grussworte richteten Regierungsrat Jakob Stark, Walter Akeret, Rektor Kantonsschule Wil und Bruno Gähwiler, Stadtpräsident Wil, an die Anwesenden.
Gemeinsam gewinnen Ing. Karl Sieghartsleitner, alt Bürgermeister Steinbach, Österreich, referierte über den „Steinbacher Weg“ zur nachhaltigen Gemeindeentwicklung. Daniel Wachter, Bundesamt für Raumentwicklung ARE, stellte die Leitlinien und einen Aktionsplan 2008-2011 des Bundesrates vor und erklärte, wie Thurgauer Gemeinden Agenda 21-Gemeinden werden können. In Bubikon wurde bereits Anfang der Legislatur 2002 bis 2006 eine Nachhaltigkeitsstrategie erarbeitet. Gemeindepräsident Bruno Franceschini zog Bilanz. Im 2006 beschloss der Gemeinderat Wilen, einen Gemeindeentwicklungsprozess durchzuführen. Im 2007 wurde eine Impulstagung organisiert, daraus entstanden weitere Projekte. Gemeindeammann Kurt Enderli zeigte auf, wieso es in Wilen dazu kam, welche Projekte angegangen wurden und welche Bilanz heute gezogen werden kann.
Nachhaltigkeit ist verbreiteter als man glaubt Die Podiumsdiskussion zum Thema „Nachhaltige Gemeindeentwicklung“ wurde geleitet von Beat Steiger, Philosophielehrer an der Kantonsschule Wil und Präsident von WIFONA. Teilnehmer waren Roland Kuttruff, Jakob Stark, Kurt Enderli, Karl Sieghartsleitner und Daniel Wachter. „Was muss eine Gemeinde unternehmen, die zum Bund Verbindung aufnehmen möchte betreffend nachhaltiger Entwicklung?“, dies wollte Beat Steiger von Daniel Wachter wissen. Wie dieser kurz erklärte, ist diese Verbindung einfach und unkompliziert, als erstes sollte man die Website konsultieren. Unter www.are.admin.ch/nachhaltigeentwicklung findet man die gewünschten Hinweise.
Regierungsrat Stark ist der Meinung, dass Nachhaltigkeit verbreiteter sei als man annehme, eine umsichtige Entwicklung sei oft unbewusst im Gang. Das Amt für Raumplanung sei im besten Kontakt mit Bern. Der Nachhaltigkeitsprozess ist keine neue Erfindung, war man sich einig, das Bewusstsein müsse gestärkt werden. Es wäre schön, wenn mehr Thurgauer Gemeinden auf der Schweizerkarte des Bundesamtes ARE mit einer Nachhaltigkeitsstrategie eingezeichnet wären. Gegenüber dem Bund entstehen deswegen keine Kosten.
Entscheiden mit Weitsicht Drei Maturanden, Schüler von Beat Steiger hatten Fragen und Forderungen für eine nachhaltige Gemeindeentwicklung vorbereitet und richteten diese an die Teilnehmer vom Podium wie an die anwesenden Gemeindeammänner.
Florian Berlinger wünscht sich, dass sich alle von den Alltagsgeschäften regelmässig lösen können um langfristige Ziele anzugehen. Dabei sollte nicht nur an die Wiederwahl gedacht werden, sondern weit über diese Zeit hinaus. Wie aber kann man Alltagsgeschäfte mit Visionen kombinieren? Karl Sieghartsleitner meinte dazu, dass in seiner Gemeinde die Gemeinderäte bei der Angelobung auch ein Gelöbnis ablegen müssen, dass sie das Leitbild der Gemeinde umsetzen wollen.
Nur noch 16 Gemeinden Die Forderung von Stefan Gamper liess ein leichtes Raunen im Saal entstehen. Er sieht für die Thurgauer Raumplanung als beste Lösung eine Gemeindefusion, auf einer Karte hatte er eingezeichnet, wie er den Kanton in 16 Gemeinden aufteilen möchte. Ist das wirklich eine Option, aus 80 Gemeinden 16 zu machen?
Roland Kuttruff sieht zwei Varianten: Fusion oder engere Zusammenarbeit. Eine regionale Zusammenarbeit müsse sein, so Kuttruff, und könnte auch verfügt werden. Eine Fusion aber müsse von unten wachsen. Regierungsrat Stark gab zu bedenken, dass nicht nur die Grösse einer Gemeinde die Stärke ausmache. Was, wenn sich die Bevölkerung nicht mehr aktiv beteiligt in einer grossen Gemeinde? Grösser ist nicht immer besser.
Wohnen und arbeiten am gleichen Ort Eine weitere Forderung von Gamper liess ebenfalls aufhorchen. Er wünscht sich eine Entwicklung zu einer Gesellschaft, die am gleichen Ort wohnt und arbeitet, als Beispiel nannte er den KMU-Park Uster, dort wird unten gearbeitet und oben gewohnt. Vorteile wären, dass es keine Pendler mehr gibt und die Leute sich besser ins Dorfleben integrieren.
Das Ziel mag Reize haben, meinte Roland Kuttruff, wenn man an Zeitersparnis und Umweltbelastung denke, gab aber zu bedenken, dass es auch die Gefahr berge, dass man rund um die Uhr arbeite, wenn Wohn- und Arbeitsort identisch sind. Daniel Wachter wies darauf hin, dass es heute mehr Pendler gebe, die Leute aber sesshafter wohnen. Da Mann und Frau arbeiten, zieht man nicht mehr automatisch um bei einem Arbeitsortwechsel. Besser wäre es wohl, den Verkehr nachhaltiger zu entwickeln.
Feste feiern fördert Sozialkapital Florian Berlinger und Raphael Krucker stellten die Forderung, dass ältere Leute besser ins Gemeindeleben integriert werden sollten. Die Gemeinden sollten Ehrenämter schaffen für die Pensionierten und die Vereinskultur fördern. Kurt Enderli findet die vorgebrachten Thesen zwar in Ordnung und geht mit ihnen einig, ist aber überzeugt, dass die Menschen selber die Initative ergreifen müssen und die Gemeinden nur unterstützende Funktion haben können.
Karl Sieghartsleitner hatte es bereits vorher angetönt, dass in seiner Gemeinde positive Entwicklungen gemeinsam gefeiert werden: Feste fördern das Sozialkapital.
Zwei Gemeindeammänner äusserten abschliessend kurz ihre Meinung zu den Anliegen der Maturanden. Kleine Einheiten erhalten, aber Aufgaben, die eine grössere Organisation verlangen, regional lösen, das wäre anstelle der Gemeindefusionen eine gute Lösung. Weiter war zu hören, dass sich die Politik nach der Gesellschaft richte. Wenn neue Werte gefunden und erarbeitet werden sollen, muss das die ganze Gesellschaft auch wirklich wollen. Gut gefunden wurde die Idee, mit der Arbeit zu den Leuten zu gehen und nicht umgekehrt.
Abschliessend meinte Roland Kuttruff, er könne sich Regierungsrat Stark anschliessen, dass nachhaltige Entwicklungen überall stattfinden. Diese sollte bewusst thematisiert werden, wie in Wilen und Bubikon, damit sich die Leute darüber bewusst werden.
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