Der jungen Maturandin Miriam Tiefenbacher, Klasse 4A an der Kantonsschule Frauenfeld, ist es zu verdanken, dass Interessierte in den Genuss zweier spannender Lehrstunden über die Machtverteilung zwischen den Geschlechtern kamen. Sie hat alle Kontakte persönlich geknüpft und so ihr spannendes Thema für eine erweiterte Öffentlichkeit ein Stück weit sichtbar gemacht.
Mit dieser ansprechenden, selbstentworfenen Grafik eröffnete Miriam Tiefenbacher ihr Referat. Schein oder Sein – eine spannende Fragestellung.
Peter Giger, Geschichtslehrer von Miriam Tiefenbacher, hat die Arbeit begleitet. Er freute sich sichtlich, trotz absolut prekären Strassenverhältnissen doch eine stattliche Anzahl Interessierter in der Aula begrüssen zu dürfen.
Der Psychologe Abraham Maslow gestaltete bereits 1943 die heute Volkswissen gewordene Bedürfnispyramide. Sie enthält sämtliche Lebensbereiche. Erst muss immer die tiefere Stufe befriedigt sein, bis die nächste wichtig wird. (Grafik aus Wikipedia, von Miriam Tiefenbacher mit Quellenangabe in ihre Präsentation eingebaut.)
Hochkarätiges Publikum: von links: Brigitte Häberli, Nationalrätin CVP TG; Christof Dejung, Historiker und Genderforscher; Ursula Fräfel, Chefredaktorin der Thurgauer Zeitung und Moderation des Anlasses; Regula Stämpfli, Politikwissenschafterin und Autorin; Julia Onken, Gründerin des Frauenseminars Bodensee und Autorin.
Brigitte Häberli wirkt seit 2003 für die CVP Thurgau im Nationalrat. Ihre politische Karriere begann im Januar 1996 auf Gemeinde-Ebene in Bichelsee-Balterswil. Bereits im Mau 1996 wurde sie in den Kantonsrat gewählt. Ihre Stimme hat in der eidgenössischen Politik Gewicht, gerade auch deswegen, weil sie ihre Macht sachbezogen ausspielt und das Gesamtwohl nie aus den Augen verliert.
Der Historiker und Geschlechterforscher Christof Dejung arbeitet heute an der Universität Konstanz. Es gibt unzählige Publikationen aus seiner Feder, so z.B. zur Militärgeschichte der Schweiz, über welche er zusammen mit Regula Stämpfli das Buch „Sonderfall Schweiz – Armee, Staat und Geschlecht“ schrieb.
Ursula Fräfel ist Chefredaktorin der Thurgauer Zeitung. Mit gezielten Fragen brachte sie die Podiumsteilnehmenden zu möglichst klaren Antworten. Sie hatte aber auch die Gnade, das Gespräch von Fall zu Fall einfach weiterlaufen zu lassen, so dass die Meinungsvielfalt sichtbar werden konnte.
Regula Stämpfli - Politologin und Ethikerin, gewiefte Argumentiererin, tätig in ganz verschiedenen Bereichen europäischer Institutionen, scharfe Beobachterin und unerschrockene Kolumnistin – hinterfragte die Macht von Frauen in der Wirtschaft und beleuchtete die Machtverhältnisse in der Schweiz aus kritischer Distanz.
In der Schweiz, vor allem aber in ihrem Heimatkanton Thurgau ist Julia Onken in den vergangenen Jahren so etwas wie eine öffentliche Person geworden. Ihre stets aus Sicht der Frauen vorgebrachten Überlegungen polarisieren. Dank ihrem Humor werden aber ihre Argumente zunehmend gehört. Sie rief die Frauen zu mehr Selbstvertrauen auf.
Isabel Perón erbte Macht, wurde zur Marionette eines machthungrigen, angeblich mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestatteten Demagogen namens José López Rega. Ihr fehlten Intelligenz und wirkliche Macht, um diesen riesigen Staat zu führen.
Margreth Thatcher, auch Eiserne Lady genannt, arbeitete sich mit unermüdlicher Willensstärke und hoher Intelligenz bis an die höchste Spitze des englischen Staates.
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Frauen an der Macht – eine Momentaufnahme
Präsentation der Matura-Arbeit von Miriam Tiefenbacher mit Podiumsdiskussion
Annelies Seelhofer-Brunner
Es ist nicht immer leicht, aus der Fülle der Themen das Passende für sich selber herauszufinden. Miriam Tiefenbacher, Kantonsschülerin der Klasse 4A, entschied sich für das weitgefächerte Thema „Frauen an der Macht“. Ein Jahr Argentinien als Austauschschülerin hat sie für diese Thematik sensibilisiert. Trotz garstigem Winterwetter war die Aula der Kantonsschule Frauenfeld doch zum grössten Teil besetzt, wobei das weibliche Geschlecht weit überwog.
Machismo als Auslöser Miriam Tiefenbacher hat in Argentinien den ausgesprochenen Machismo der südamerikanischen Kultur kennengelernt. Mit ihrer Matura-Arbeit wollte sie sich deshalb vertiefter mit der Thematik „Macht – Frau – Mann“ auseinandersetzen. Um ihre Erkenntnisse auch einer breiteren Öffentlichkeit sichtbar machen zu können, organisierte sie auf eigene Faust eine Podiumsdiskussion mit Persönlichkeiten aus dem Bereich Politik, Politikwissenschaften, Geschlechterforschung und Psychologie. Ihr Geschichtslehrer unterstützte sie in allen Belangen. Die ganze Klasse 4A verfolgte das Referat ihrer Klassenkollegin und sammelte im Anschluss an die Veranstaltung mit selbstgebackenen Köstlichkeiten Geld für ihre Maturareise nach Prag.
10 Thesen zu Grundlagen der Macht Die Maturandin gliederte ihr Referat in zehn Stichworte. Als erstes definierte sie den Begriff der Macht. Macht bezeichnet nach einem weit verbreiteten Verständnis die Fähigkeit von Individuen und Gruppen, auf das Verhalten und Denken sozialer Gruppen oder Personen - im eigenen Sinn und Interesse – einzuwirken. Das Schicksal bestimmt, wo wir geboren werden, wie wir aufwachsen. Gewalt über Andere – ob militärisch oder ökonomisch – gehört zur Macht. Die menschlichen Bedürfnisse – im Referat als Hunger bezeichnet – haben Macht über Menschen, können dabei - geschickt ausgenutzt - Macht bewirken. Beziehungen, Netzwerke sind unerlässlich, wenn es um Machterringung geht. Kultur und Gefühle sind weitere Faktoren, die je nach Kulturkreis Macht begünstigen oder verhindern. Führertypen, die – möglichst schlechte - Gefühle ansprechen, können einen Staat geradezu umkrempeln. Dass eine gute Ausdrucksfähigkeit und Intelligenz zudem ganz wichtige „Zutaten“ für wirkliche Macht sind, beweist die politische Landkarte täglich. (Wobei es auch offensichtliche Ausnahmen gibt, aber da wirken dann andere Faktoren…)
Diskussion Miriam Tiefenbacher wurde nach ihrer Motivation gefragt, genau diese Frauen auszulesen. Die Referentin verwies auf den Einstieg. Argentinien war so gesetzt, dazu suchte sie ein Gegenstück, was Margret Thatcher passend machte. Auch Golda Meïr oder Benazir Bhutto wären eine Option gewesen. In der Schweiz hätte sie vermutlich Bundesrätinnen genommen. Peter Giger heizte mit ein paar Worten dann auf die nachfolgende Podiumsdiskussion ein.
Hochkarätige Diskussionsrunde Es ist keineswegs selbstverständlich, dass eine Maturandin auf eigene Initiative hin eine derart kompetente Diskussionsrunde zusammenbringt. Dass sich alle Teilnehmenden ohne Honorar dazu bereit erklärten, darf geradezu als Glücksfall bezeichnet werden. Regula Stämpfli meinte schmunzelnd: „Eine derartige Gesprächsrunde hat die ARENA kaum je zu bieten.“ Erst fragte Moderatorin Ursula Fraefel, ob und was typisch weiblich sei an diesen beiden Frauen Perón und Thatcher. Die Runde war sich einig, dass es für eine Frau äusserst schwierig sei, alle erwarteten Clichés zu erfüllen. Julia Onken zeigte auf, dass Margrit Thatcher eine typische Vatertochter sei. Und lernen könne man von dieser Frau, wie man es mit Zwillingen schaffe, eine derartige Karriere aufzubauen. Wobei einhellig dem Argument beigepflichtet wurde, es brauche dazu Unterstützung von vielen Seiten.
Frauen in der Politik – Machtzunahme? Der Meinung, dass mehr Frauen in der Politik auch mehr Macht für Frauen bedeute, widersprach Regula Stämpfli. Die wahre Macht werde in den Teppichetagen der grossen, finanzstarken Firmen ausgeübt. Und da seien Frauen ja wirklich nicht übervertreten!! Natürlich ist es gut, dass es auch für Frauen selbstverständlich ist, überall mitmachen zu können, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dass da noch immer vieles im Argen liege, brachte Regula Stämpfli mit den mangelnden Kinderbetreuungsmöglichkeiten zur Sprache.
Julia Onken verwies auf die Diskussionen, die sie mit ihrer Tochter Maya bekommen hatte, als Kinder kamen und die Karriere nicht mehr so einfach weiterzugehen schien. Brigitte Häberli spürt noch heute Wut und Ärger, wenn sie drandenkt, wie viele Jahre Frauen keinerlei Zugang zu den Machtzentralen der Politik hatten. Sie freut sich aber darüber, dass jetzt doch immerhin mehr als 20 Prozent der Parlamentssitze von Frauen besetzt werden. Ihre eigene Karriere sieht sie als ein Zusammenspiel von unterstützenden Faktoren. Ihr Mann verdiente immer genug, so konnte sie sich ehrenamtlich betätigen. Er war für die Kinder da, unterstützte sie moralisch und gab ihr Support.
Männliche Sicht Christof Dejung, geduldiger Zuhörer und analytischer Diskussionsteilnehmer, merkte an, dass in nichtdemokratischen Staaten oft Frauen durch Erbfolge an die Macht kämen. Für ihn sei das Gleichgewicht der Macht dann hergestellt, wenn auch an den Sandhaufen ähnlich viele Väter wie Mütter die Betreuung ihrer Kinder wahrnähmen. Sei er auf Spielplätzen anfänglich meist einziger Mann gewesen, habe sich das in den letzten Jahren doch stark geändert. Er habe mit seiner Frau einen klar abgemachten Terminkalender ausgehandelt, um die Betreuung jederzeit sicherzustellen.
Brigitte Häberli hat gehört, dass sich gewisse Männer nun sorgen, vor Machtverlust Angst haben, weil doch dieses Jahr gleich alle höchsten Ämter im Staat in Frauenhand seien. Und doch scheint es auch heute kaum möglich zu sein, als Mutter von kleinen Kindern ein Nationalratsmandat auszufüllen. Laut Regula Stämpfli ist die Schweiz in dieser Hinsicht noch absolut „hinterwäldlerisch“.
Wo werden Entscheide gefällt? Laut Regula Stämpfli ähneln viele Firmensitzungen dem Wartezimmer eines Urologen. Männer, so weit das Auge reicht. Wenn Frauen in gewisse Berufe eindringen, sinkt oft das Prestige desselben. Bei Katastrophen werden Frauen vielfach als Opfer, Männer dagegen als Retter und Helden dargestellt. Dabei gibt es unzählige Frauen, die in leitenden Funktionen vor Ort kompetente und wirksame Hilfe leisten.
Julia Onken erklärte, mit Frauen sei es wie mit Bäumen. Es gebe solche mit Früchten und solche einfach nur mit leeren Ästen. Frauen könnten Kinder gebären, seien Lebensspenderinnen, allerdings nicht allein. Am Schluss komme es auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern an, auf eine gerechte Verteilung von Pflichten und Rechten. Doch da liegt noch heute vieles im Argen.
Macht MACHT unweiblich? Diese provokative Frage von Ursula Fraefel rief Julia Onken auf den Plan. Frauen mit hoher Kompetenz blieben sehr oft allein. Doch auch Frauen machten es ihren Geschlechtsgenossinnen oft nicht gerade einfach, sich der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Das böse Wort „Rabenmutter“ sei noch nicht verschwunden. Frauen müssten ihre Stellung zur eigenen Mutter überdenken, diese rehabilitieren, die eigenen Wurzeln finden. Leider gebe es noch immer wenige Vorbilder. Eine Frau müsse wissen, was für sie gut sei. Die Persönlichkeit zähle. Wer Todesanzeigen lese, erkenne sofort, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte.
Was ist zu tun? Brigitte Häberli rief jungen Frauen zu, sie sollten sich unbedingt öffentlich vernehmen lassen. Frauen müssten Vorbilder für Töchter sein. Regula Stämpfli plädierte für Quoten in Verwaltungsräten in der Wirtschaft. Sie erwähnte dabei Norwegen, wo sich das sehr bewährt habe. Christof Dejung gab zu, dass Frauen für ihre Karriere genauer planen müssen als Männer. Das betreffe auch Beziehungsfragen, sei nicht unbedingt romantisch, aber unerlässlich.
Frage nach eigener Macht Da verweist Brigitte Häberli auf ihre politischen Vorstösse, die oft zu Abstimmungsgegenständen werden, und auf ihre Mitarbeit in wichtigen Kommissionen. Regula Stämpfli findet es wunderbar, als Expertin in vielen europäischen Gremien Themen setzen zu können. Für Julia Onken ist der Schreibtisch ihr „Machtapparat“. Christof Dejung ist glücklich, wenn er vor dem PC sitzt und feststellt, dass der Text sitzt, ja vielleicht sogar von einigen Leuten gelesen wird.
Engagierte Diskussion Anschliessend war das Publikum gefragt. Eine Frau wies darauf hin, dass auch Familienarbeit ein wichtiges Anliegen sein müsse. Auf dem Podium waren sich alle einig, dass jede Familie, jede Person ihr eigenes Lebensmuster wählen dürfe, alles gleichwertig sei, die Politik aber noch viele Hürden nehmen müsse, um Familie und Beruf wirklich vereinbaren zu können.
Um den Machismus zu überwinden, braucht es männliche Vorbilder. Diese sind in Schule und Gesellschaft wichtig, aber leider oft kaum mehr vorhanden. NEIN sagen können gehört zu den Grundregeln einer sinnvollen Erziehung. Wobei Christof Dejung ein Missverständnis noch geklärt haben wollte. Getrennte Welten bedeuteten nicht, dass Frauen keine Macht hätten. In Indien seien Frauen innerhalb ihrer Familie sehr mächtig, obwohl sie kaum in der Aussenwelt wahrgenommen würden. Für die wertvollen Denkanstösse dankte Peter Giger den Gesprächsteilnehmenden mit einer Tragtasche voll mit Selbstfabriziertem – so z.B. Quittengelée oder Quittenschnaps. Bei feinem Gebäck der Klasse 4A – gegen einen Obolus für ihre Reisekasse – wurden im Foyer die gehörten Denkanstösse engagiert weiterdiskutiert.
Die Folien durften mit freundlicher Erlaubnis von Miriam Tiefenbacher verwendet werden. In ihrer Arbeit sind die Quellen genauestens aufgelistet.
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