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Flawil: 19.01.2012
Helga Giger machte Lust auf einen interessanten Abend - und bekam Recht!
Helga Giger machte Lust auf einen interessanten Abend - und bekam Recht!

Ein Lied macht gleich alles klar - Barbara Camenzind griff als Erstes zur Gitarre zum Lied: "Man hat uns nicht gefragt, als wir noch kein Gesicht, ob wir leben wollen oder nicht...denn sobald ich gar zu glücklich wär, hätt ich Heimweh nach der Traurigkeit."
Ein Lied macht gleich alles klar - Barbara Camenzind griff als Erstes zur Gitarre zum Lied: "Man hat uns nicht gefragt, als wir noch kein Gesicht, ob wir leben wollen oder nicht...denn sobald ich gar zu glücklich wär, hätt ich Heimweh nach der Traurigkeit."

Stadtfiguren betreten die Bühne - allerlei skurrile Gestalten bevölkern für ein Jahr - oder länger - die Bodenseestadt Rorschach.
Stadtfiguren betreten die Bühne - allerlei skurrile Gestalten bevölkern für ein Jahr - oder länger - die Bodenseestadt Rorschach.

Auf diesem Sofa wurden die verschiedensten Geschichten erzählt, ganz im Stile von Harun al Rashid, dem 5. Kalifen von Badgad im 8. Jahrhundert n.Chr., der inkognito den Nöten seiner Untertanen nachspürte, um ihnen bessere Lebensbedingungen bieten zu können.
Auf diesem Sofa wurden die verschiedensten Geschichten erzählt, ganz im Stile von Harun al Rashid, dem 5. Kalifen von Badgad im 8. Jahrhundert n.Chr., der inkognito den Nöten seiner Untertanen nachspürte, um ihnen bessere Lebensbedingungen bieten zu können.

Stadtfüchsin wird zur Schatzsucherin
Nachtcafé Flawil mit Rorschacher Schatzsucherin Barbara Camenzind
Annelies Seelhofer-Brunner
Das täte wohl jeder Stadt, ja jedem Dorf gut, so eine Schatzsucherin. Wer im Januar-Nachtcafé in Flawil dabei war, ist davon jedenfalls bestimmt überzeugt. Denn was Barbara Camenzind aus ihrer Zeit als Schatzsucherin in Rorschach auf kurzweilige Art erzählte, machte Lust auf eigenes Erkunden des persönlichen Lebensraums. Es gibt überall verborgene Schätze, es braucht einfach Menschen, die diese erkennen. Im Laufe des Abends wurde immer deutlicher, dass die Rorschacher die richtige Frau in dieses Amt berufen hatten.

Ohne „Spinner“ wäre die Welt langweilig
Die Familie Riklin hat in der Ostschweiz schon manches „Undenkbare“ denkbar gemacht. So wurde beispielsweise in Teufen ein Nullstern-Hotel eingerichtet, ein anderer Sohn initiierte das mittlerweile sehr berühmte Musical „Ewigi Liebi“. Ein weiterer, nämlich Mark Riklin, hat in Rorschach die Idee eines Schatzsuchers auf- und auch erfolgreich durchgebracht. Er war schon früher als „Sammler von Glücksmomenten“ aufgefallen, hatte mit dieser Aktion vielen Leuten Freude bereitet. Den eigenen Lebensraum genauer unter die Lupe nehmen und dies nach aussen vermitteln, dies das – erfolgreiche – Konzept.

Stadtfüchsin
Barbara Camenzind amtete im Jahr 2011 als Rorschacher Schatzsucherin. Nachdem die Ausschreibung – immerhin amtlich und mit 30 Stellenprozenten ausgeschrieben- keine befriedigende Kandidatur gezeitigt hatte, berief der Stadtrat die junge Rorschacherin in dieses unkonventionelle Amt. 2009 hatte schon der Journalist und Autor Richard Lehner ein Jahr lang Rorschacher Schätze aufgespürt.

Barbara Camenzind war ihm im zweiten Halbjahr heimlich immer wieder nachgeschlichen - aus Langeweile, wie sie sagte -, hatte seine Spuren erschnüffelt und sich an seinen Funden gefreut, ohne dass jemand davon wusste. Dies war natürlich eine gute Voraussetzung als neue Schatzsucherin. Damals wurden Plätze, Brunnen und dergleichen aufgespürt und in einer Schatzsammlung festgehalten. Jetzt kamen andere Schwerpunkte zum Zug.

Immaterielle Schätze
Barbara Camenzind sollte nun immaterielle Schätze heben, Geschichten aushecken und und Projekte in Gang bringen. Die Schatzsucherin betrachtet die Welt als Synästhetikerin, d.h. ihre Wahrnehmungen sind an Farben und Klänge gekoppelt. Das Schöne ist ihr wichtig. Sie zitierte denn auch Oscar Wilde, dem man einmal die Frage gestellt hatte: „Warum sind die Amerikaner derart gewalttätig?“ Seine Antwort: „Weil sie derart hässliche Tapeten haben!“

Es gilt, in seiner Umgebung die kleinen Dinge – wieder – wertzuschätzen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Die „Stadtfüchsin“ hat den Klang verschiedener Gebäulichkeiten erspürt, dabei kamen physikalische Messungen nicht immer genau auf die gleiche Tonart. Rorschach habe eine ganz eigene Melodie, unverwechselbar und klar.

Stadt als Bühne
In einer Stadt seien Frauen und Männer und auch alle Kinder Teil eines Theaters und Spieler in diesem Stück. Alle öffentlichen Gebäude gehörten zu so einer Bühne. Rorschach war früher Ausgangsstadt, hatte viele legendäre Lokale wie die „Hafenkneipe“ oder das „Seerestaurant“, nebst ganz vielen anderen. Die Stadt war Industriestadt mit der Feldmühle oder der ehemaligen „Roco“, der Rorschacher Konservenfabrik.

Verschiedene Gerüche gehörten damals zur Stadt, einerseits säuerliche Düfte, daneben im Sommer der Konfitürenduft über der ganzen Stadt. Das Lehrerseminar gehörte zum öffentlichen Leben, bis die Schule zur Pädagogischen Hochschule „aufstieg“ und sich gleichzeitig vom Rorschacher Alltagsleben abkoppelte. Im Kanton gibt es unzählige Lehrkräfte, die früher das Rorschacher Stadtleben genossen und dort sichtbar waren. Schade für die Stadt, dass dies nun vorbeisein soll!

Aktionen der Fachhochschule
Camenzind zeigte ein Bild der Absolventen der Fachhochschule für Soziale Arbeit. Auf dem Bild sind die jungen Leute fast wie auf einer Hochzeitsreportage dargestellt. Sie tüftelten eifrig interessante und verblüffende Projekte aus. Einmal wurden alle Schilder beim Stadteingang umgetextet. Plötzlich hiess es: „Slow City“ – Langsame Stadt -, selbstverständlich ohne Wissen des Bauamtes!? Roman Rutishauser setzte einen alten Flügel in den Bodensee und spielte darauf, manchmal von bis zu hundert schwimmenden Zuhörenden umgeben. Das war der „Seepianist“.

Es gab den Jakobsbrunnen-Glöckner, denn der Jakobsweg geht auch in Rorschach vorbei. Seit drei Jahren läuten im Sommer täglich um 11.00 und um 18.00 Freiwillige als Glöckner in Mantel und Hut dieses Jakobsglöcklein. Ein Buchstabenmixer und ein „Anstifter zum Hören“ machten Rorschach unsicher. Ein „Fahrschulsprecher“ verkündete in einem Lift die neuesten Nachrichten. Einmal strichen Akteure die Bachläufe mit Lebensmittelfarbe an, die Feuerwehr fuhr mit grobem Geschütz – d.h. allen verfügbaren Vehikeln – ein und spritze alles ab. Rorschachs Hauptstrassen wurden zu farbigen Bächen. Welch ein Spektakel!

Auch Selbstläufer mischten sich ein, so ADDA ADDA, Pseudonym für eine unbekannte Person, die an die 24 Rorschacher Barrieren Botschaften hinheftete. Schliesslich wartet man in Rorschach fast ständig vor einer der vielen Barrieren, da hat man Zeit, derartige Botschaften zu lesen. Diese wurden mit der Zeit aber immer politischer, sodass es schwieriger wurde, die Behörden für neue Aktionen zu gewinnen. Das "Amt" war auch ganz klar als politisch neutral ausgeschrieben worden.

Gefunden: berührende Geschichten
Barbara Camenzind hat mit wachen Sinnen, zusammen mit ihrer kleinen Tochter Hannah und Hund Bela die Stadt erkundet. Das Kind hat ihr dabei für manche Kleinigkeiten die Augen geöffnet und eine neue Sicht auf die Dinge möglich gemacht. Menschen kamen zu ihr und trugen ihr Geschichten zu. Eigentlich war sie gar nicht Schatzsucherin, sondern eher „Schatzfinderin“. Der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Ausländergruppen wurde ebenfalls unter die Lupe genommen. Rorschach hat wahre Wellen von Fremdarbeiter-Zuzügen erlebt. Integration ist in dieser Stadt kein Fremdwort, man lebt sie.

Die Idee, dass man die „180 Nebeltage in Rorschach“ doch in positive Werbung für „Ferien für Menschen ohne Sonnenliebe“ ummünzen könnte, wurde vom Publikum im Nachtcafé mit hörbarem Schmunzeln aufgenommen. Man hätte noch ganz lange zuhören mögen, derart skurril, aber auch berührend, oft zum Lachen reizend waren die Schatzsucher-Geschichten.

Schlussfest für die ganze Stadt
Mit den „Angekommenen“ wurde zum Abschluss des Schatzsuche-Jahres ein grosses Fest gefeiert. Der älteste Italienerchor der Schweiz sang alte Schlager, es feierten viele Menschen mit. In Rorschach hat es einen spürbaren Stimmungswandel gegeben, man ist grundsätzlich freundlicher und aufmerksamer gegeneinander, stellte Barbara Camenzind zufrieden fest. Die Stadtbehörden seien zudem meist sehr unterstützend und interessiert gewesen, grade auch Stadtpräsident Müller habe sich vom Projekt sehr angetan gezeigt. Die Stadt hat sich in der Zeit zum Positiven verändert. Allein das wäre doch schon ein Ansporn für andere Städte und Gemeinden, sich an ein ähnliches Projekt zu wagen!


Zur Person

Barbara Camenzind ist Absolventin des früheren Lehrerseminars Rorschach, hat sich später zur Sängerin und Komponist ausbilden lassen und eine Zeitlang als Opernsängerin Partien aus berühmten Werken gesungen. Leider verlor sie eines Tages ihre Stimme, so dass die Karriere zu Ende war. Ihre Eltern hatten in Grub AR einen Reiterhof gegründet, den Barbara Camenzind unterdessen gemeinsam mit ihrem Mann übernommen hat. Hier wird Therapeutisches Reiten angeboten.

Sie lebt aber in Rorschach, kennt sich da sehr gut aus. Ihr Schatzsucherjahr hat ihre Sicht auf die Welt erweitert. Für sie, für die alles Farbe und Klang hat, war dieses Jahr auch persönlich ein „Schatz“.

Rorschacher Schatzsucherin

Nachtcafé Flawil

Nächster Nachtcafé-Anlass: Mittwoch, 21.März 2012 im Kulturkeller im Restaurant Park mit dem Thema "Niemand ist unsterblich", mit Referent Paul Bischof, Arzt und Philosoph aus Gossau SG.

Umbenennung der Stadt in "Slow City" - gut wäre es, die Bauverwaltung wüsste davon...
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Geheimnisvolle Botschaften an den Barrieren der Stadt, 24 am der Zahl, auch dies rekordverdächtig!
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Wer ausser Rorschach hat denn schon ein Schmusergässli??
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Herbert Lehner, erster Schatzsucher, mit seiner Nachfolgerin - genauso zu verstehen! - Barbara Camenzind.
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