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Chant 1450 mit „Flores de España“- Renaissance-Musik in Henau
Beeindruckender liturgischer Gesang im Konzertzyklus Uzwil
Annelies Seelhofer-Brunner
Es gibt Musik, die die grossen Massen anzieht. Es gibt Werke, die man immer wieder hören möchte. Dann gibt es Musikstile und Darbietungsformen, die eher für Menschen mit besonderen Vorlieben passen. Das zweite Konzert des Konzertzyklus Uzwil gehörte eher in letztere Kategorie. Was die vier Männer von „chant 1450“ und der Oud-Spieler Mahmoud Turkmani in ihrem Repertoire haben, braucht aufmerksames Hinhören auf fremde Texte mit oft fremdartigen Melodienbögen. Man muss sich einlassen können, wird aber dadurch auch beschenkt.
Hochkarätige Solokünstler Die vier Männer singen alle auf höchstem musikalischem Niveau. Alle sind auch als Solisten und in anderen Ensembles unterwegs. Was sie verbindet, ist die Freude an alter Musik. Der Tenor Daniel Manhart hat „chant 1450“ im Jahr 2003 gegründet. Er ist der musikalische Taktgeber und hat auch die hilfreichen Erklärungen auf dem Programmblatt verfasst. Der Madrilene Javier Robledano Cabrera ist ausgebildeter Countertenor, verleiht einem jeden Ensemble mit seiner Stimme den Glanz dank seiner hellen Stimme. Juan Diaz de Corcuera aus Bilbao ist ebenfalls studierter und äusserst erfahrener Ensemble-Tenor. Ismael Gonzáles Arróniz schliesslich gibt dem Ensemble das wichtige Fundament mit seiner sehr schönen, ausgereiften Bassstimme.
Selten gehörte Musik Das Ensemble „chant 1450“ hat sich in der spanischen Literatur der geistlichen und weltlichen Musikliteratur der Renaissance umgeschaut und seltene Werke ausgegraben. Nicht umsonst heisst der Titel „Flores de España“, also Blumen/Blüten aus Spanien. Mehrere Stücke hat der Spanier Johannes Anchieta (1462 – 1523) geschrieben. Aber auch unbekannte Namen kamen zu Ehren, so etwa der Portugiese Pedro de Escobar, welcher um 1490 mehrere Jahre als Sänger am Hofe der kastilischen Königin Isabella wirkte, oder Antonio Ribera (um 1500) und Johannes Illarius, ebenfalls um 1500.
„Verheiratung“ verschiedener Kulturen in der Musik An den spanischen Höfen kam vorwiegend die gepflegte, nach den damaligen Regeln der Kompositionskunst geschaffene Musik zum Zuge. Doch in Spanien wanderten immer neue Volksgruppen ein, Zigeuner brachten ihre traditionellen Lieder und Musikstücke mit. Jüdische Einwanderer sangen anders als die maurischen Eroberer, die ihrerseits ihre eigene Musik pflegten. Das Programm „Flores de España“ führt mit seinen a capella-Gesängen und den Improvisationen von Mahmoud Turkmani diese beiden Welten zusammen.
Vorwiegend geistliche Liedinhalte Im Programm in Henau wurden vorwiegend Mariengesänge und Anbetungslieder gesungen. Kunstvoll durchzogen Teile einer kompletten Gregorianischen Messe, ein sogenanntes Messe-Ordinarium aus der Marienliturgie, als durchgehenden Strang das Programm. Einen weiteren Strang bestritt der Oud-Lautist Mahmoud Turkmani. Als Drittes wurden die verschiedenen erst frisch entdeckten spanischen Kompositionen eingepasst. Alles verschmolz zu einem Ganzen. Den Mariengesängen waren noch zusätzliche Texte zur Marienverehrung angefügt worden, was in der Fachwelt „tropieren“ heisst.
Vokalmusik Vokale machen eine Sprache aus. Die lateinische Sprache ist besonders reich an diesen Lauten. „chant 1450“ pflegt einen eher sparsamen, sehr eindringlichen Gesangsstil. Sieht man Tenöre oft den Mund fast angsterregend weit geöffnet, wenn sie ihre Helden besingen, so kommen die vier Männer von „chant 1450“ fast ohne Bewegung aus, führen allein mit ihrer Stimme und der genauen Diktion das musikalische Geschehen. Ein Countertenor verleiht jeder Melodie Glanz, besonders wenn er sich so ins Ensemble einfügt, wie dies Javier Robledano Cabrera tut. Die vier Stimmen füllten den prächtigen Henauer Kirchenraum mit ihrem andächtigen, innigen Gesang. Das Publikum hörte atemlos zu.
Gregorianik In fünf Teilen wurde die Marienliturgie im Gregorianischen Stil von den zwei Tenören Daniel Manhart und Juan Diaz de Corcuera gesungen, schlicht, ruhig, einstimmig und im Chorraum der Henauer Kirche wunderbar emporsteigend. Kein Wunder, können mit dieser Musik heute noch Mönche ganze Klosterbauten renovieren, weil ihre CDs derart Anklang finden. Die Musik tröstet, macht ruhig, selbst wenn man kein einziges Wort versteht. In den akustisch hervorragend geeigneten Kirchenräumen können die Gesänge ihre ganze Schönheit entfalten und die Zuhörerschaft berühren. Das taten sie auch im Konzert in Henau.
Der Oud In unseren Breitengraden sind wir uns an Lauten und Gitarren gewöhnt, deren Wirbelkasten in gerader Linie zum Schallkörper steht. Bei der arabischen Laute - dem Oud -, die über Andalusien zu uns fand, ist der Wirbelkasten abgeknickt. Der Klang der normalerweise 5 Doppelsaiten hört sich recht metallen an. Mahmoud Turkmani improvisierte in verschiedenen Einschüben, begleitete später auch einen Gregorianischen Messeteil, einmal genau der Melodie folgend, ein zweites Mal mit einer eigenen Melodie.
Seine Improvisationen tönten zeitweilig wie Wasserkaskaden, mit dem einen oder anderen Schlenker, wie man sich das von orientalischer Musik gewohnt ist. Einmal war man gar versucht, Kamele durch die Wüste reiten zu sehen. Auf dem Programmblatt steht, dass der Künstler sein Spiel auf dem traditionellen Instrument Arabiens mit westlichen Kompositionstechniken verbindet. Das merkt natürlich nur, wer mit beiden Musikrichtungen vertraut ist.
Applaus zur rechten Zeit Man hätte sich völlig allein an diesem Klangfest wähnen können, wäre da nicht der störende Applaus nach jedem noch so kleinen Stück gewesen. Nach einer kurzen Pause bat dann Konzertzyklus-Präsidentin Esther Eugster-Brunner darum, den Beifall doch bitte bis zum Schluss aufzusparen, dann dafür umso herzlicher zu klatschen. So ein Programm habe einen Spannungsbogen. Wenn der immer wieder durchbrochen werde, so falle ein grosser Teil des Reizes eines derart intimen musikalischen Erlebnisses dahin. Viele Besucherinnen und Besucher waren für diese Worte sicher dankbar.
Das Publikum war diesmal nicht allzu zahlreich erschienen. Vermutlich konnten sich viele nicht so recht etwas unter „arabische Laute“ vorstellen, meinten möglicherweise, es werde arabisch gesungen. Dabei handelte es sich jedoch um das Instrument Oud, eine Laute mit abgeknicktem Wirbelkasten. Wer das Konzert besucht hat, ist bestimmt beglückt und beschenkt nach Hause gegangen. Der Konzertzyklus ist seinem Ruf als ausgezeichneter Konzertveranstalter verschiedenster klassischer Richtungen einmal mehr gerecht geworden.
Nächster Anlass des Konzertzyklus Uzwil19. Februar 2012 in der evangelischen Kirche Oberuzwil Kammerkonzert mit dem Trio Artemischant 1450Konzertzyklus Uzwil
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