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Wil: 28.04.2013
Fundiertes Fachwissen und ausgeprägte Liebe zum geschichtlichen Detail prägten die Ausführungen von Magdalen Bless. Ihre Schilderung gaben dem Leben im Mittelalter und der damaligen Stellung der Frau Konturen.
Fundiertes Fachwissen und ausgeprägte Liebe zum geschichtlichen Detail prägten die Ausführungen von Magdalen Bless. Ihre Schilderung gaben dem Leben im Mittelalter und der damaligen Stellung der Frau Konturen.

Vor dem Referat von Magdalen Bless (Mitte) bespricht sie sich mit der Präsidentin des Freundeskreises, Susanne Kasper, und dem für Informatikbelange zuständigen Kassier Robert Signer.
Vor dem Referat von Magdalen Bless (Mitte) bespricht sie sich mit der Präsidentin des Freundeskreises, Susanne Kasper, und dem für Informatikbelange zuständigen Kassier Robert Signer.

Magdalen Bless zeichnete die Vorgeschichte des Wiler Klosters St. Katharina vom Frühmittelalter bis zur Aufnahme der sogenannten Sammlung (Beginen) in den Konvent auf.
Magdalen Bless zeichnete die Vorgeschichte des Wiler Klosters St. Katharina vom Frühmittelalter bis zur Aufnahme der sogenannten Sammlung (Beginen) in den Konvent auf.

Ins Hochmittelalter blendete die Referentin zurück, um zu den Anfängen des Beginenwesens zu kommen, und sie illustrierte das mit zeitgenössischen Frauenfiguren.
Ins Hochmittelalter blendete die Referentin zurück, um zu den Anfängen des Beginenwesens zu kommen, und sie illustrierte das mit zeitgenössischen Frauenfiguren.

Beginen: Nonnen ohne Ordensregel
Lebensweise und Bedeutung der Beginen von St. Gallen und Wil als frühe Vorfahrinnen des Klosters St. Katharina Wil
Josef Bischof
Wie viele alte Frauenklöster hat auch das Kloster St. Katharina Wil seine Wurzeln im mittelalterlichen Beginentum. Das war für Magdalen Bless Anlass, in ihrem Referat im Anschluss an die Mitgliederversammlung des Freundeskreises St. Katharina Wil dem Beginenwesen im Allgemeinen und seiner Ausprägung in der Ostschweiz nachzuspüren.

Die Ursprünge des Beginenwesens gehen in die Zeit um 1200 zurück. Dies sei eine lebhafte Epoche gewesen, führte die Referentin aus, geprägt von Umbruch und Aufschwung auf allen Ebenen. Die feudale Agrarwirtschaft sei aufgebrochen, und überall seien Städte entstanden. Mit dem gesellschaftlichen Umbruch sei auch ein kultureller Aufschwung einhergegangen.

Neue Stellung der Frau
Nach den rauen Zeiten des Frühmittelalters hätten sich Sitten und Gefühle verfeinert. Der verfeinerte Umgang der Männer mit den Frauen, ja geradezu die Verehrung der Frauen, zeige sich sehr schön im Minnesang.
Im religiösen Leben habe sich das in der aufblühenden Marienverehrung und der Verehrung heiliger Frauen geäussert.

Neues Gottesbild
Anstelle des gerechten, unnahbaren, Furcht erregenden Gottes trete jetzt das Bild des Mensch gewordenen Gottes. Jesus war arm und besitzlos. Diesem Vorbild eiferten Dominikaner (Prediger) und Franziskaner (Barfüsser) nach. Die Bettelorden hätten entgegen den traditionellen Orden nicht mehr die Einsamkeit gesucht, sondern sich in den neu entstandenen Städten um die Seelsorge bemüht. Revolutionär neu sei der Verzicht auf Grundbesitz gewesen.

Das Hohelied der Liebe
Bernhard von Clairvaux habe das Hohelied der Liebe aus dem Alten Testament sozusagen neu entdeckt. Die Beziehung der Seele zu Gott habe er als zärtliche Liebe interpretiert, vergleichbar der innigen Beziehung zwischen Braut und Bräutigam. Dem ledigen Stand, der Jungfräulichkeit um Christi Willen, sei ein höherer spiritueller Stellenwert als dem verheirateten Stand beigemessen worden.

Klosterwunsch nicht für alle erfüllbar
Nicht bloss Männer, sondern auch viele Frauen hätten den Wunsch gehabt, in ein Kloster einzutreten. Beim Klostereintritt sei aber meist eine nicht unbeträchtliche Mitgift gefordert worden.

Unter Frauen, welche ihren Klosterwunsch nicht erfüllen konnten, habe sich um 1200 eine zündende Idee verbreitet: Als Laie in der Welt zu bleiben, sich aber dennoch auf eine konkrete Lebensregel zur spirituellen Vervollkommnung zu verpflichten.

„Nonnen“ auf Zeit
Beginen waren ledige oder verwitwete Frauen, welche allein, in losen Gruppen oder festen Gemeinschaften ein religiöses Leben führten. Für die Zeit ihres Beginentums verpflichteten sie sich zu Ehelosigkeit, oft auch zu Armut und zu gewissen geistlichen Übungen.

Im Gegensatz zu Klosterfrauen legten sie keine bindenden ewigen Gelübde ab, unterstanden keinen Klausurvorschriften und waren in keinen Orden eingegliedert.

Keine einheitliche Kleidung
Für Beginen gab es keine einheitliche Kleidung. Sie trugen oft einen ungefärbten Mantel und eine gefältelte Haube. Die Herkunft des Begriffes ist ungeklärt. Er könnte sich vom Wort benigna ableiten, was gütig bedeutet.

Beginen übten Berufe aus. Häufig waren sie in der Textilherstellung beschäftigt. Sie pflegten Kranke und begleiteten Sterbende und Trauernde. In einer Zeit, als öffentliche Schulen nur Knaben offen standen, führten sie in Zürich im 15. Jahrhundert die erste Mädchenschule.

Erste Beginengemeinschaft in St. Gallen
Die erste urkundlich erwähnte Beginengemeinschaft der Schweiz war auf dem Brühl in St. Gallen. Das Haus stand an der Stelle des heutigen Gebäudes des Klösterchens St. Katharina. Es wurde als „Samnung“ – Ansammlung von Schwestern – bezeichnet. Bald war es nur eines von zehn Beginenhäusern auf St. Galler Stadtgebiet.

Wiler Schwesternsammlung oft bedrängt
In Wil gab es im 13. Jahrhundert eine Schwesternsammlung bei der Pfarrkirche St. Peter, ausserhalb der Stadtmauern. Nach wiederholter Bedrohung durch politische Wirren und kriegerische Angriffe zogen die Frauen um die Mitte des 15. Jahrhunderts zwischen die Stadtkirche St. Nikolaus und das Heiliggeistspital.

Beginen mit Nonnen vereint
1607 bezogen die Schwestern des Dominikanerinnenkonvents St. Katharina auf dem Nollenberg (dem Nachfolgekonvent des in der Reformation aufgehobenen Klosters St. Katharina in St. Gallen) das südlich der Stadt Wil neu erbaute Kloster St. Katharina. Zwölf Jahre später zogen die fünf Schwestern der Sammlung auf Geheiss des Abtes zu den 15 Dominikanerinnen ins Kloster St. Katharina.
Begeistert, begeisternd und humorvoll: Für Magdalen Bless gilt das Zitat aus der Bibel: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Begeistert, begeisternd und humorvoll: Für Magdalen Bless gilt das Zitat aus der Bibel: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

Eine Trouvaille aus dem Kloster St. Katharina Wil: ein mittelalterliches Buch. Aus solchen Aufzeichnungen lässt sich die Klostergeschichte mosaikartig zusammenfügen.
Eine Trouvaille aus dem Kloster St. Katharina Wil: ein mittelalterliches Buch. Aus solchen Aufzeichnungen lässt sich die Klostergeschichte mosaikartig zusammenfügen.