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Wil: 13.02.2014
Ein Schicksal, das nachdenklich stimmt. Die Hauptperson des Buches, Silas (Rudolf Moser) erlebte in seiner Jugendzeit unglaubliche Demütigungen und wird auch als Erwachsener häufig vorverurteilt. Links seine Tochter, rechts die Buchautorin Lotty Wohlwend.
Ein Schicksal, das nachdenklich stimmt. Die Hauptperson des Buches, Silas (Rudolf Moser) erlebte in seiner Jugendzeit unglaubliche Demütigungen und wird auch als Erwachsener häufig vorverurteilt. Links seine Tochter, rechts die Buchautorin Lotty Wohlwend.

Ausgrenzung prägt lebenslänglich
Die schier unglaubliche Geschichte eines Zigeunerjungen: Eindrücklich geschildert durch die Autorin und den Betroffenen in der adhoc-Buchhandlung in Will.
Josef Bischof
Der Titel des Buches „Silas – gejagt, geschunden, gedemütigt“ versprach, was der Abend hielt. Nachempfunden werden konnte ein Kapitel Sozialgeschichte, die Geschichte eines Zigeunerjungen aus unserer Region. Dass derlei Erfahrungen prägen und ein Leben lang nachwirken, zeigten die Schilderungen des erwachsenen Zigeuners Silas. Rund ein halbes Hundert Zuhörer lauschten ergriffen den von der Autorin vorgelesenen Abschnitten, ergänzt durch eindrücklich nachgezeichnete Erfahrungen des Betroffenen.

2001 wurde die Journalistin, Filmemacherin und Autorin Lotty Wohlwend von Rudolf Moser – im Buch heisst er Silas – eindringlich gebeten, zu ihm nach St. Gallen zu kommen. Der Grund: sein Lieblingshund war erschossen worden, aber Rudolf Moser war überzeugt, dass der Schuss nicht dem Hund, sondern ihm gegolten habe.

Überforderte Eltern
An dieses Ereignis und diese Begegnung knüpft die Geschichte an und blendet auf die Jugendjahre des heute 50jährigen Zigeuners zurück. 1963 wird Rudolf Moser als achtes von 13 Kindern in eine Schweizer Zigeunerfamilie (Vazer) geboren. Seine Eltern verdienen den Lebensunterhalt mit Hausieren und bringen das Kind gleich nach der Geburt in ein Heim.

Das Sorgerecht für ihre Kinder haben sie aber schon vorher verloren. Die Kinder, auch die nach Rudolf geborenen, verstellen sie immer wieder in Heime, holen sie dort aber auch nach Belieben und unter Anwendung von Gewalt wieder zurück.

Gewalt an der Tagesordnung
Bei der Schilderung seiner Eltern und Geschwister übt Rudolf Moser keine Zurückhaltung. Allesamt seien häufig und in schwerwiegender Weise mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Er selber sei diesbezüglich eine Ausnahme und habe bis heute keine Straftaten begangen.

Unter der Gewaltausübung, vor allem durch die Mutter, habe aber auch er gelitten. Dabei habe es sich nicht einfach um Schläge gehandelt. Die Kinder hätten auch schwere Körperverletzungen davongetragen. Mit seinen Verletzungen am Kopf, die ihn noch heute schmerzen und eine Invalidität zur Folge hatten, sei er noch verhältnismässig glimpflich davongekommen.

Unersetzliche Elternliebe
Obwohl er kaum je Elternliebe zu spüren bekommen habe, sei er wie seine Geschwister doch lieber zu Hause als in einem Heim gewesen. Objektiv habe er es zwar in den meisten Heimen besser gehabt als bei den Eltern. Aber die Bindung an die Eltern sei trotzdem so stark gewesen, dass er sie gegen alle Vorwürfe und Angriffe in Schutz genommen habe.

Die Polizei sei für ihn in dieser Zeit zu einem Feindbild geworden, weil sie den Eltern immer wieder auf den Leib gerückt sei. Und Weihnachten möge er auch nicht, weil die Polizei einmal just an einem Heiligen Abend gegen die rebellierenden Eltern angerückt sei.

Ausbruch aus der Zigeunertradition
Im Gegensatz zu seinen Geschwistern durfte Rudolf in St. Gallen die Schule besuchen, und er ging gerne und mit Erfolg zur Schule. Damit scherte er allerdings aus der Tradition der Zigeuner aus. Zu spüren bekam er dies beispielsweise, indem er daheim keine Schulaufgaben machen durfte. Er musste diese verstohlen bei einer Bushaltestelle erledigen. Was ihn heute noch erstaunt, ist, dass keiner seiner Lehrer seine vielen blauen Flecken von den Züchtigungen zu Hause bemerkt hat.

Unterschiedliche Heimerfahrungen
Die Heimerfahrungen Rudolf Mosers füllen im wahrsten Sinn ein Buch. Erwähnenswert ist beispielsweise, dass er und seine Geschwister in einem immer weiteren Umkreis platziert werden mussten, weil Heime Moser-Kinder infolge schlechter Erfahrungen ablehnten. Demütigend für Rudolf war es unter anderem, dass er nicht wie andere Kinder mit Vornamen angeredet wurde, sondern dass man ihn und seine Geschwister nur Moser nannte.

In einem Heim erlebte er als Junge in der Pubertät brutale Gewalt, ausgeübt von seinen Altersgenossen. Dagegen hatte er es verhältnismässig gut in einer Berner Jugendstrafanstalt, in die er aus administrativen Gründen – was heute gesetzlich unzulässig wäre – eingeliefert wurde. Dort konnte er eine Schreinerlehre absolvieren, und zwar bei einem Lehrmeister, den er heute noch bewundert. In der Ostschweiz blieb es ihm allerdings verwehrt, den Beruf je auszuüben. Er musste sich als Hilfsarbeiter und oft auch arbeitslos durchschlagen.

Von zwei guten Freunden beeinflusst
Rudolf Moser wohnt heute in Wil. Nach einer gescheiterten Ehe lebt er mit einem Partner zusammen. Er ist nach wie vor stolz, ein Zigeuner zu sein, bedauert aber, dass seine Eltern und Geschwister wenig zum guten Ruf der Zigeuner beigetragen haben.

Als mildernde Umstände könnten vielleicht die schwierigen Umstände angeführt werden, in welchen sie ihr Leben hätten meistern müssen. Stolz ist er, dass er selber nie kriminell geworden ist. Seine Aggressivität habe er vor allem dank zwei guten Freunden in den Griff bekommen.

Drohungen bewirkten Wartefrist
Das Buch „Silas – gejagt, geschunden, gedemütigt“ ist vor sechs Jahren auf den Markt gekommen. Weil Familienmitglieder mit Gewalt und Racheakten gedroht haben, ist erst jetzt die erste öffentliche Lesung erfolgt, und nun läuft auch die Bewerbung an.
Rudolf Moser ist 1963 als achtes von 13 Kindern in eine Vazer Zigeunerfamilie geboren worden. Mitmenschen begegnen ihm auch heute noch oft ablehnend.
Rudolf Moser ist 1963 als achtes von 13 Kindern in eine Vazer Zigeunerfamilie geboren worden. Mitmenschen begegnen ihm auch heute noch oft ablehnend.

Lotty Wohlwend, Autorin und Filmemacherin, hat Fakten, Dokumente und Zeugenaussagen zusammengetragen und im Buch „Silas“ veröffentlicht. Sie wohnt in Rickenbach.
Lotty Wohlwend, Autorin und Filmemacherin, hat Fakten, Dokumente und Zeugenaussagen zusammengetragen und im Buch „Silas“ veröffentlicht. Sie wohnt in Rickenbach.

Die Tierliebe ist vom Vater auf die Tochter übergegangen. Rudolf Mosers Tochter war an der Lesung anwesend und betreute seinen Vierbeiner.
Die Tierliebe ist vom Vater auf die Tochter übergegangen. Rudolf Mosers Tochter war an der Lesung anwesend und betreute seinen Vierbeiner.

Die vorgelesenen Abschnitte und die eindrücklichen Schilderungen vermochten das Interesse der Besucher am Buch zu wecken.
Die vorgelesenen Abschnitte und die eindrücklichen Schilderungen vermochten das Interesse der Besucher am Buch zu wecken.

Schauplatz der Lesung war die adhoc-Buchhandlung an der Oberen Bahnhofstrasse in Wil.
Schauplatz der Lesung war die adhoc-Buchhandlung an der Oberen Bahnhofstrasse in Wil.

Sie bestritten den Abend gemeinsam. Lotty Wohlwend las Passagen aus dem Buch. Rudolf Moser ergänzte mit der Schilderung persönlicher Erfahrungen.
Sie bestritten den Abend gemeinsam. Lotty Wohlwend las Passagen aus dem Buch. Rudolf Moser ergänzte mit der Schilderung persönlicher Erfahrungen.

Hunde spielen im Leben von Rudolf Moser eine wichtige Rolle. Sein Lieblingshund zu Beginn des Buches wurde erschossen. Dieser begleitete ihn zur Lesung.
Hunde spielen im Leben von Rudolf Moser eine wichtige Rolle. Sein Lieblingshund zu Beginn des Buches wurde erschossen. Dieser begleitete ihn zur Lesung.

Die Schilderung eines persönlichen Schicksals vermag immer zu fesseln.
Die Schilderung eines persönlichen Schicksals vermag immer zu fesseln.

Das Buch „Silas“ soll vor allem auch in Oberstufenklassen vorgestellt werden.
Das Buch „Silas“ soll vor allem auch in Oberstufenklassen vorgestellt werden.