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Wil: 08.09.2017
Redaktionssitzung beim Wiler Lokal-TV. Für damalige Zeiten eine grosse Teilnehmerzahl. Bilder: Stadtarchiv
Redaktionssitzung beim Wiler Lokal-TV. Für damalige Zeiten eine grosse Teilnehmerzahl. Bilder: Stadtarchiv

Schon damals waren zu den Sendungen rund 30 Studiogäste geladen.
Schon damals waren zu den Sendungen rund 30 Studiogäste geladen.

Operetten und Lokalpolitik im Fernsehsessel
Aus der damaligen Wiler Lokal-TV-Zeit lagern rund tausend Kassetten im Wiler Stadtarchiv.
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Heuer jährt sich zum zwanzigsten Mal das letzte Löschen der Studioscheinwerfer bei Tele Wil. Die Altstadt-Vereinigung nahm dieses Jubiläum zum Anlass für einen Erinnerungsabend. Das erste Studio war in der Oberen Mühle, in nächster Nähe zur Altstadt, untergebracht. In den damaligen Sendungen war sie immer mal wieder Thema.

Stadthistoriker Werner Warth präsentierte am Donnerstagabend im Chällertheater Ausschnitte aus ehemaligen Sendungen des Lokalfernsehens Wil.

Konzession für Wil
Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts standen die Zeichen auf Veränderung in der Schweizer Medienlandschaft. Allen voran sorgte Roger Schawinski mit seinem Piratensender von Norditalien aus für öffentlichen Druck. Der hartnäckige Ruf nach einer Liberalisierung des Schweizer Marktes für elektronische Medien beschäftigte die Bundespolitik.

In diesem Zeitgeist erhielt Wil vom Bundesamt für Kommunikation eine befristete Konzession für einen experimentellen Lokalfernsehbetrieb. Die Projektinitianten waren damals die Stiftung Dialog sowie die Schweizerische Staatsbürgerliche Gesellschaft. Sie strebten ein „beispielhaftes Modell für ein bürgernahes Fernsehen der Zukunft“ an.

Gemeinschaftsantenne auf dem Hofberg
Den Zuschlag verdankte die Fürstenländer Metropole auch ihrer gut erhaltenen Altstadt. Aus Gründen des Ortsbildschutzes wurde auf die damals üblichen Fernsehantennen auf den Hausdächern verzichtet. An deren Stelle bediente eine Gemeinschaftsantenne die Haushalte. Dank dieser Verkabelung waren die technischen Voraussetzungen für einen kleinräumigen Fernsehbetrieb erfüllt.

Am 15. September 1980 schlug die Geburtsstunde für das neue Bürgermedium „Lokalfernsehen Wil“. Der audiovisuelle Versuchsbetrieb sollte Erkenntnisse zur politischen und gesellschaftlichen Partizipation ergeben.

Professionalität unter „Tele Wil“
Nach einem Einführungskurs konnten Einwohnerin und Einwohner ihre Themen und Anliegen mit Kamera und Mikrofon aufzeichnen und den Wilern in wöchentlichen Sendungen in der guten Stube präsentieren. Später wurde der Betrieb zunehmend professionalisiert und in „Tele Wil“ unbenannt.

Regionalsender, wie etwa Tele Ostschweiz oder Tele Top, waren damals noch unbekannt; TVO sendet seit 1999. Ein harter Kern von engagierten Idealisten sorgte für Kreativität und für Kontinuität beim Wiler Stadtsender. Eine wissenschaftliche Begleitung wertete die Erfahrungen in einer Studie aus.

Kontroversen und Kultur
Die zahlreichen Reportagen, Studiodiskussionen und Strassenumfragen sind auf Videomaterial festgehalten. Die rund tausend Kassetten lagern heute im Wiler Stadtarchiv. Ein kleiner Teil davon wurde kopiert und ins St. Galler Staatsarchiv überführt.

Aus dieser Fülle an Material hat Stadtarchivar Werner Warth einen bunten Strauss an Ausschnitten zusammengestellt. Am vergangenen Donnerstag nahm er das Publikum im Chällertheater im Baronenhaus auf eine Zeitreise in die jüngere Vergangenheit der Äbtestadt mit.

Vereidigung des Wiler Parlaments dabei
Zu sehen waren dramatische Feuerwehreinsätze, das Wiler Altstadt-Openair sowie Ausschnitte aus der Operette „Die Fledermaus“. Im Weiteren die feierliche Atmosphäre bei der Vereidigung des ersten Wiler Stadtparlaments. In einer Strassenumfrage gingen die Meinungen über den Standort des künftigen Stadtsaals weit auseinander. Und bei einem Atelierbesuch erzählte Karl Glauner von seinem Werdegang.

Wie Simon Lumpert, Präsident der Altstadtvereinigung, später anmerkte, werden ab Mitte Oktober 2017 Werke von diesem und weiteren bekannten Wiler Künstlern in verschiedenen Schaufenstern der Altstadt zu sehen sein.

Prägende Persönlichkeiten
Bei einem Apéro tauschen sich die Besucherinnen und Besucher des Abends über ihre eigenen Erinnerungen an das Lokalfernsehen und über die gezeigten Persönlichkeiten, die die lokale Kultur, den Sport und Politik massgeblich mitgestalteten, aus. Zu sehen waren unter anderem Lotti Ruckstuhl, Hans Wechsler, Josef Hartmann, Rudl Gruber sowie Toni Vinzens.

Wie Simon Lumpert erklärte, will der Vorstand der Altstadtvereinigung mit verschiedenen Anlässen im kleinen Rahmen aufzeigen, dass die Kirch- und die Marktgasse, der Hofplatz und das Umgelände ein lebendiger Teil Ort mit vielfältigen Erfahrungsmöglichkeiten ist. Der Tele Wil-Abend gehörte zur dieser Veranstaltungsreihe mit dem Label AltstadtPlus.

Stationen in der Geschichte des Wiler Fernsehens
1980  Start der ersten Versuchsphase (schweizerisches Pilotprojekt)
1982  Zweite Versuchsphase und Gründung des Vereins "Offener Kanal Wil"
1983  Dritte Versuchserlaubnis
1986  Verlängerung der Konzession
 "Neubeginn" mit Rolf-Peter Zehnder als Sponsor
 Neues Sendekonzept
 Regelmässige Sendungen
1987  Statutenänderung (weg von der Idee des frei zugänglichen Sendebetriebs.  Ausbildung erforderlich)
1988  Erneute Konzessionsverlängerung
1988  Gesuch um Direktabstrahlung wird von Bern abschlägig behandelt - weiterhin  an Kabelnetz gebunden
1989  Wiler Stadtparlament erhöht Beitrag an LTV von 6000 Franken auf 20'000 Franken Das Lokalfernsehen Wil geniesst Gastrecht im professionell  ausgerüsteten Fernsehstudio der Syma AG in Kirchberg (neuer Sponsor:  Marcel Strässle) Mit einer feierlichen und offiziellen Studioeröffnung  wird dieser wichtige Schritt gefeiert.
 Im Herbst des gleichen Jahres kann in Wil das neue Studio 2 eröffnet  werden, welches dank dem zweiten neuen Sponsor, der Buchdruckerei Flawil  AG, mit neuesten technischen Geräten ausgestattet werden konnte.
1990  Mit verschiedenen Aktivitäten wird das Jubiläumsjahr des Wiler Fernsehens  gefeiert.
(Wiler Jahrbuch, Wil 1992/93)
Nach weiteren fünf Jahren Betrieb musste das Wiler Lokalfernsehen, einst der schweizweit erste konzessionierte Lokalfernseheversuch, den Sendebetrieb Ende 1997 einstellen.

Werner Warth informierte die Anwesenden im Chällertheater über die Episoden der damaligen Wiler TV-Zeit.
Werner Warth informierte die Anwesenden im Chällertheater über die Episoden der damaligen Wiler TV-Zeit.

Das erste Logo, wie sich der Wiler Sender auf Kabel ankündigte.
Das erste Logo, wie sich der Wiler Sender auf Kabel ankündigte.

Am Erinnerungsabend mussten sich die Gäste im Chällertheater mit der Leinwand zufrieden geben.
Am Erinnerungsabend mussten sich die Gäste im Chällertheater mit der Leinwand zufrieden geben.

Professionalle Arbeit wurde mit der Benutzung des Syma-Studios in Kirchberg möglich.
Professionalle Arbeit wurde mit der Benutzung des Syma-Studios in Kirchberg möglich.