iwp logo infowilplus.ch  
Orte
Spezial
Oberuzwil: 28.01.2018
<br>Huldrych Zwingli war einer der grossen Reformatoren des 15./16. Jahrhunderts.

Huldrych Zwingli war einer der grossen Reformatoren des 15./16. Jahrhunderts.

<br>In diesem Haus in Wildhaus im Obertoggenburg ist Zwingli geboren. Noch heute kann man dieses besichtigen.

In diesem Haus in Wildhaus im Obertoggenburg ist Zwingli geboren. Noch heute kann man dieses besichtigen.

„Wo Glaube ist, da ist Freiheit!“
2. Bildungsabend über Reformator Zwingli zum 500-Jahrjubiläum der Reformation
Annelies Seelhofer-Brunner
Zwingli ist in den reformierten Köpfen der Schweiz noch heute sehr präsent. Seine Bibelübersetzung steht weiterhin in vielen Stuben reformierter Ehepaare. Doch hat man diesem wortmächtigen Obertoggenburger auch manche Gewalttaten angedichtet, welche so nicht stattgefunden haben. Pfarrer René Schärer räumte in seinem Vortrag mit solchen Vorurteilen auf und beleuchtete das Leben und Wirken dieses Mannes auf verschiedenen Ebenen. Der Anlass war gut besucht.

Politisches Umfeld
In Italien gab es gegen Ende des 15. Jahrhundert - der Zeit der Renaissance - viele hochgebildete Männer. Dabei gingen gute finanzielle Verhältnisse mit hoher Bildung einher. Bildung braucht Zeit, und Zeit hat nur, wer sich nicht um den täglichen Unterhalt kümmern muss. In Spanien war das Kalifat von Córdoba von christlichen Armeen zurückgedrängt und schliesslich erobert worden. Dort hatten die muslimischen Herrscher eine riesige Sammlung an gelehrten Schriften angelegt, die nun für die Öffentlichkeit freigegeben wurde. Damals war der Islam eine Hochkultur mit vielen Gelehrten und eher freiheitlicher Auslegung des Korans.

Im Osten dagegen hatte Dschingis Khan ein riesiges Reich aufgebaut, welches von Russland über China bis nach Venedig reichte. Die mongolischen Krieger waren gefürchtet, so dass auch viele Menschen weiter nach Westen flohen. In Europa selber bekämpften sich immer wieder Herrscher der verschiedenen Fürstentümer. Der Papst hatte die kirchliche Oberhoheit, aber auch in politischen Dingen grosse Macht.

Zwinglis Leben: Kurze Kinderzeit
Am 1. Januar 1484 wurde Huldrych oder auch Ulrich Zwingli in Wildhaus geboren. Doch schon mit sechs Jahren musste er zu einem Onkel nach Weesen wechseln – zu Fuss, wie René Schärer anmerkte, bei einer Distanz von mindestens 30 km -, um dort seine Lerntauglichkeit zu beweisen. Er bestand und wurde bereits mit zehn Jahren in der Basler Lateinschule und später in einer solchen in Bern unterrichtet. Damals war Kindheit nur ein ganz kurzes Intermezzo im Leben eines intelligenten Knaben. Mädchen dagegen hatten zu dieser Zeit noch kaum Bildungsmöglichkeiten.

Universität
Zwingli war ein wunderbarer Sänger und konnte unzählige Instrumente spielen. In Bern hätten ihn die Dominikaner deshalb gern in ihr Kloster aufgenommen, doch Vater Zwingli war dagegen. Dafür setzte Zwingli seine Studien an den Universitäten Basel und Wien fort. Unterrichtet wurden die Fächer Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie sowie Musik und Astronomie. Mit dem Titel „Magister Artium“ schloss er diese Studien ab, um sich danach der Theologie zuzuwenden. Er belegte diesen Studiengang allerdings nur ein halbes Jahr, was damals nichts Aussergewöhnliches war und kein Hindernisgrund war, ihn zum Priester zu weihen.

Priester/Pfarrer Huldrych Zwingli
Am 21. September 1506 wurde Zwingli als Pfarrer in Glarus angestellt. In dieser Zeit vertiefte er sich in die bahnbrechenden Schriften des Gelehrten Pazifisten und Humanisten Erasmus von Rotterdam. Auch dieser hatte biblische Schriften übersetzt. 1516 – 1519 war er als Wallfahrtsprediger in Einsiedeln tätig. Er übernahm den pazifistischen Gedanken von Erasmus und predigte gegen die Reisläuferei. Viele eidgenössische junge Männer dienten damals gegen Geld ausländischen Fürsten, die immer wieder mit Nachbarländern Schlachten ausfochten, sodass es vorkommen konnte, dass Brüder auf zwei feindlichen Schlachtfeldern gegeneinander kämpften.

Leutpriester am Grossmünster Zürich
Von 1519 – 1531 wirkte und predigte Zwingli am Grossmünster in Zürich. Er muss ein wortgewaltiger Prediger gewesen sein, der mit seinen Gottesdiensten die Menschen berührte. Dabei bezog er immer auch die aktuellen politischen Ereignisse in seine Auslegungen ein. Er wollte fortlaufende Predigtreihen über die Evangelien beginnen, anstatt sich nach den traditionell vorgegebenen Texten für die einzelnen Sonntage zu richten. Das war damals unüblich und erregte bei manchen Kirchenoberen grossen Unmut.

Doch da kam die Pest dazwischen und raffte in wenigen Monaten rund einen Drittel der Bevölkerung dahin. Zwingli, der sich als Seelsorger stark um seine Gemeinde kümmerte, steckte sich ebenfalls an, überlebte aber dank der fürsorglichen Pflege seiner Frau Anna Reinhard, die er 1522 nach Jahren heimlicher Ehe geheiratet hatte.

Unbehagen über unselige Zustände in der Kirche
In Deutschland hatte schon der grosse Martin Luther (1843-1546) ein Unbehagen über die Zustände in der damaligen allmächtigen Kirche gespürt und sich dagegen aufzulehnen begonnen. Er übersetzte die Bibel in die deutsche Sprache, schuf dabei auch neue Ausdrücke und machte so das Evangelium dem „gemeinen Volk“ zugänglich. In Zürich hatte dies Zwingli bereits fünf Jahre früher geschafft. Zur schnellen Verbreitung dieser Übersetzungen trug vor allem die Erfindung des Buchdrucks bei. In Zürich besorgte dies die Druckerei Froschauer, die von den Bestellungen der ersten Zwingli-Bibel derart überrollt worden war, dass Zwingli das Fastengebot für diese Männer brach und Würste herstellen liess, um die Männer zu kräftigen.

Zwinglis Theologie
Seine Erfahrung mit der Pest hatte Zwingli innerlich verändert. Nun galt es, im „Hier und Jetzt“ zu leben. Er war überzeugt: „Gott ist Geist und das Gute schlechthin. Dieser Geist schlägt eine Brücke zum Geist des Menschen. Der Priester ist nur das Sprachrohr dieses Geistes.“ Und weil er Jesus als Haupt der Kirche ansah, waren für ihn auch die kirchlichen Hierarchien überflüssig geworden. Zudem brauche es nur noch zwei Sakramente, nämlich die Taufe und das Abendmahl. Die Bibel wurde zum Massstab für alle Entscheidungen. „Tut um Gotteswillen etwas Tapferes!“ rief er den Gläubigen zu.

Allerdings verhinderte diese Ansicht von einem liebenden Gott nicht, dass Andersgläubige wie beispielsweise die Täufer gnadenlos verfolgt wurden. Diese anerkannten keine staatlichen Autoritäten, waren gegen die Kindertaufe und verweigerten den Militärdienst. Auch in Zürich wurden mehrere dieser Glaubensrichtung in der Limmat ertränkt. Erst am 26. Juni 2004 gab es dazu in der Stadt Zürich einen Versöhnungsgottesdienst, in welchem das grosse Unrecht, das den Täufern angetan worden war, beklagt und bereut wurde. In den USA gibt es weiterhin Nachkommender Täufer, die sich Mennoniten; Hutterer oder auch Amische nennen.

Tabubrecher Zwingli
Zwingli wehrte sich gegen den Zölibat, fand ihn unmenschlich und nicht biblisch begründet. Damals war es gang und gäbe, dass auch Priester Bordellbesuche machten. Einzig Minderjährigen und Verheirateten war dies untersagt. Kurz nach seinem Antritt als Leutpriester in Zürich wurde ihm ein „sittliches Verfehlen“ aus seiner Zeit in Einsiedeln vorgeworfen. Er hatte dort eine Liebelei mit einer Coiffeurstochter gehabt. Er konnte sich allerdings herausreden, machte sich jedoch für das Heiraten stark, damit der Mensch auch seine sexuellen Bedürfnisse in kontrollierter Art ausüben könne. Sex ausserhalb der Ehe und für Unverheiratete galt allerdings weiterhin als grosse Sünde.

Zwingli war kein Bilderstürmer
Zwingli wird nachgesagt, er sei ein Haudegen gewesen und hätte dazu angestiftet, in den Klöstern und Kirchen der Gegend alle Bilder mit roher Gewalt herunterzureissen. René Schärer zeigte auf, dass das keineswegs stimmt. Zwar wollte Zwingli tatsächlich alle Ablenkung und Anbetung von Heiligenbildern aus den Kirchenbauten verbannen, gab dazu aber eine halbjährige Frist und sorgte auch dafür, dass wertvolle Bilder entweder an ihre Stifter zurückgegeben werden konnten oder auf jeden Fall irgendwo archiviert wurden. Allerdings hatten viele – damals meist ungebildete - Bauern eine Riesenwut auf die Klöster, die ihnen so viele Abgaben abpressten, dass sie keine Rücksicht auf Kunstwerke nahmen und in manchen Klöstern einfach alles kurz und klein schlugen.

Abendmahlsstreit mit Luther
Zwingli tauschte sich mit Luther in Marburg von Angesicht zu Angesicht aus. In vielen Punkten waren die beiden grossen Männer sich über fällige Reformen völlig einig. Doch das Abendmahl und dessen Bedeutung entzweite die beiden derart, dass von nun an lutherische und evangelisch-reformierte Gemeinden getrennte Wege gingen. Luther war weiterhin der Ansicht, dass in der Eucharistie – bei den Reformierten als Abendmahl bezeichnet – Jesus leiblich anwesend sei, während Brot und Wein für Zwingli nur symbolische Zeichen für Christi Anwesenheit bedeuteten.

Sozialreformer
Zwingli sah die Not vieler Menschen in seinen Pfarrgemeinden. In Zürich setzte er sich für ein Bettelverbot ein, initiierte aber gleichzeitig den „Mushafen“, eine Art Suppenküche für Bedürftige. Er liess die Zwangsheiraten –damals durchaus üblich in unserem Land – verbieten, setzte sich für „menschenwürdige“ Ehe- und Sittengesetze ein und war wichtiger Impulsgeber für eine gerechtere Gesellschaftsform. “ Zudem warb er – aus der Zeit der Pest dafür sensibilisiert - für menschenwürdige Unterbringung von kranken Menschen. Auch die unmenschliche Leibeigenschaft – auch eine Art Sklaverei – schaffte Zwingli ab. Zum Eigentum hatte er ebenfalls eine klare Meinung: „Eigentum ist ein notwendiges Übel.

Unruhige Zeiten
Die neuen Ideen waren nicht überall willkommen. Und so kam es auch innerhalb der Eidgenossenschaft zu erbitterten Kämpfen von Katholiken, die die „Neugläubigen“ als Ketzer und Gotteslästerer sahen, und den Reformierten um die Zürcher und später auch die Berner, welche von Zwingli von der Reformation der verkrusteten katholischen Institutionen überzeugt worden waren. Erst gab es in zwei „Disputationen“ regelrechte Diskussionswettbewerbe über den rechten Glauben.

Dennoch brachen Kämpfe zwischen den katholischen Innerschweizer Kantonen und den Reformierten aus, welche unter dem Namen „Kappeler Kriege“ in die Geschichte eingingen. Ging der erste dieser Kriege noch mit einer friedlichen Milchsuppe zu Ende, so kam es beim zweiten zu einem heftigen Blutvergiessen, in welchem Zwingli sein Leben verlor. Er wurde danach nicht einfach beerdigt, sondern von den Katholischen erst gevierteilt und dann verbrannt. Das konnte aber die Reformation nicht aufhalten, zu sehr waren die neuen Ideen schon im Volk verbreitet.


Nächster Bildungsabend

Mittwoch, 31. Januar 2018 um 19:30 Uhr im evangelischen Kirchgemeindehaus Oberuzwil


Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Oberuzwil-Jonschwil

Die reformierte Kirche des Kantons Zürich hat eine informative Biografie zu Zwingli auf ihrer Homepage zum 500-Jahr-Jubiläum aufgeschaltet.

Huldrych Zwingli – Biografie und weitere Informationen

Die Täuferbewegung – Thurgauischer Kirchenbote

Die Täufer leben noch

Wer den ersten Bildungsabend zu Martin Luther verpasst hat, kann hier den Artikel dazu nachlesen.

1. Bildungsabend 2018 – Martin Luther

Reformationsgottesdienst vom 12.11.2017


<br>In diesem Saal wurden richtige Debattierschlachten ausgefochten und ein Sieger ausgerufen.

In diesem Saal wurden richtige Debattierschlachten ausgefochten und ein Sieger ausgerufen.

<br>Diesmal machte Diakon Richard Böck Lust auf den Abend und begrüsste die zahlreichen Männer und Frauen im Kirchgemeindehaus.

Diesmal machte Diakon Richard Böck Lust auf den Abend und begrüsste die zahlreichen Männer und Frauen im Kirchgemeindehaus.

<br>Pfarrer René Schärer hatte sich tief in die Geschichte des Reformators Zwingli eingelesen und dessen Leben und Wirken in einem engagierten Referat dargeboten.

Pfarrer René Schärer hatte sich tief in die Geschichte des Reformators Zwingli eingelesen und dessen Leben und Wirken in einem engagierten Referat dargeboten.

<br>Während in den unzähligen Kathedralen alles immer noch höher gegen den Himmel zu wies, ging es in den kirchlichen Gremien äusserst weltlich und reformbedürftig zu und her.

Während in den unzähligen Kathedralen alles immer noch höher gegen den Himmel zu wies, ging es in den kirchlichen Gremien äusserst weltlich und reformbedürftig zu und her.

<br>Der Gelehrte Erasmus von Rotterdam war ein wichtiger Wegweiser für Zwinglis reformatorischen Weg.

Der Gelehrte Erasmus von Rotterdam war ein wichtiger Wegweiser für Zwinglis reformatorischen Weg.

<br>Die Kalifen von Córdoba hinterliessen eine riesige Bibliothek mit um die 400'000 Büchern und erweiterten damit den Horizont der christlichen Sieger.

Die Kalifen von Córdoba hinterliessen eine riesige Bibliothek mit um die 400'000 Büchern und erweiterten damit den Horizont der christlichen Sieger.

<br>Von Osten war das riesige Reich der mongolischen Khans eine ständige Bedrohung des Westens und seiner christlichen Werte.

Von Osten war das riesige Reich der mongolischen Khans eine ständige Bedrohung des Westens und seiner christlichen Werte.

<br>Diese Ratte verbreitete die Pest weitherum in Europa und raffte auch in der Schweiz Tausende Menschen dahin. Zwingli wurde ebenfalls angesteckt, überlebte jedoch.

Diese Ratte verbreitete die Pest weitherum in Europa und raffte auch in der Schweiz Tausende Menschen dahin. Zwingli wurde ebenfalls angesteckt, überlebte jedoch.

<br>Um die Buchdrucker von Froschauer zu stärken, missachtete Zwingli das Fastengebot und liess die schuftenden Männer kräftigende Würste geniessen - sehr zum Missfallen der Kirchenoberen.

Um die Buchdrucker von Froschauer zu stärken, missachtete Zwingli das Fastengebot und liess die schuftenden Männer kräftigende Würste geniessen - sehr zum Missfallen der Kirchenoberen.