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Wil: 02.02.2018
„Wiler Feschthümpe“ am Schwanenball 1977. Rechts: „Bäumige Bahnhofstroos“, 1. Preis beim Schwanenball 1977. Fotos: Stadtarchiv Wil
„Wiler Feschthümpe“ am Schwanenball 1977. Rechts: „Bäumige Bahnhofstroos“, 1. Preis beim Schwanenball 1977. Fotos: Stadtarchiv Wil

Kein Maskenball ohne zünftige Polonaise: im Bild zu erkennen der verstorbene Wiler Bildhauer und Kulturexperte Rudl Gruber sowie der Schwanen-Hotelier Georges Amstutz.
Kein Maskenball ohne zünftige Polonaise: im Bild zu erkennen der verstorbene Wiler Bildhauer und Kulturexperte Rudl Gruber sowie der Schwanen-Hotelier Georges Amstutz.

Concours der Närrinnen
Die selbstgefertigten Kostüme an den ehemaligen Wiler Maskenbällen beeindrucken bis heute durch ihre Originalität.
Adrian Zeller
Eine kunterbunte Fülle an Maskenbällen bereicherte einst in Wil die Zeit zwischen Gümpeli- und Aschermittwoch. Heute gelten sie als legendär. Welches sind die Gründe, dass das Ballangebot mittlerweile erheblich ausgedünnt ist?

Was, wenn die vermeintlich schüchterne Direktionsassistentin plötzlich dank Verkleidung mit ihrem Chef Schabernack treibt? Wie reagieren, wenn die maskierte Nachbarin ihrem überraschten Tanzpartner seine Marotten unter die Nase reibt? Dann gibt`s nur eines: Lächeln, lächeln, es ist Fastnachtszeit, Huh ä Lotsch!

Maskenball-Mekka
Gemäss Angaben des Stadthistorikers Werner Warth war im letzten Jahrhundert der Ball-Terminkalender zur Fastnachtszeit in der Äbtestadt prall gefüllt. Zu den Hochburgen zählten die `Tonhalle` und der `Hof` sowie die Hotels `Schöntal`, `Landhaus`, `Derby` und `Schwanen`. Organisiert wurden sie vom katholischen Gesellenverein, vom katholischen Turnverein, von den Stadtturnern sowie von der Stadtmusik.

Blick in den Spiegel
Definitionsgemäss sind die gesellschaftlichen Rollen und Hierarchien sowie die zwischenmenschlichen Spielregeln während der Fastnacht gelockert. So sind etwa Schnitzelbänke auch dazu da, den Einflussreichen, Aufstrebenden und Vermögenden ungestraft den Spiegel vorzuhalten und sie auf ihre allzu menschlichen Schwächen aufmerksam zu machen. Für die weniger Privilegierten ist die sogenannte fünfte Jahreszeit eine Gelegenheit, gefahrlos Frustrationen über die Obrigkeit abzubauen.

Spiel der Geschlechter
Die Masken schützen die Narren vor negativen Folgen. Dies bezieht sich speziell auch auf die Frauen, deren gesellschaftlicher Spielraum vor der Emanzipation gering war; Fastnachtsbälle waren eine gute Gelegenheit, um die Männer an der Nase herumzuführen, ganz nach dem Motto: „Gäll, kännsch mi nöd!“

Ball im Storchen
Apropos Frauen, man höre, respektive lese und staune: In der gastronomischen Chronik „Gastliches Wil“ von Willi Olbrich wird von einem speziellen Frauenball am schmutzigen Donnerstag 1873 berichtet. `La Maisonette Cigogne` nennt sich die entsprechende Gaststätte heute, die damals `Storchen` hiess.

Gute Miene ist Pflicht
An der Fastnacht war den Frauen im Umgang mit Männern auf spielerische Weise manches gestattet, was ansonsten scheele Blicke, ermahnende Worte und empörten Tratsch nach sich gezogen hätte. Im Wiler Fastnachtsmarsch ist dieses vorübergehend geduldete Necken als „fuxen und föpplen“ besungen. Für die Gehänselten war und ist es Ehrensache, gute Miene zum wilden Treiben zu machen. Andernfalls drohen die Stempel: unverbesserlicher Griesgram, notorische Spassbremse und humorloser Stimmungskiller.

Kreativer Höhepunkt
Wie der Stadthistoriker Werner Warth weiss, war der Ball am Fastnachtsmontag im `Schwanen` der gesellschaftliche Höhenpunkt. Er wurde 1931 vom damaligen Hotelier Theo Amstutz-Richard ins Leben gerufen. Sein Sohn und Nachfolger Georges Amstutz-Bernet organisierte ihn von 1969 bis 1978. Dann musste dessen Heimat, der Schwanensaal, einem Neubau weichen.

Filziball
Zu den Aushängeschildern des `Schwanen-Maskenballs` zählte ein Concours der weiblichen Masken, für den der Schwanenwirt sowie die damalige Filzfabrik je einen Preis ausgerichtete. Das entsprechende Kostüm musste aus Wiler Filz gefertigt worden sein. Der Volksmund nennt den `Schwanen-Maskenball` bis heute auch `Filziball`.

Unmaskierte Männer
Die winkenden Auszeichnungen sowie die allgemeine Anerkennung motivierte kreative Frauen besonders originelle Kostüme anzufertigen. Die Männer ihrerseits erschienen unmaskiert in schwarz. Für die Prämierung war nicht nur das Erscheinungsbild der Verkleidung entscheidend, sondern auch das Verhalten der Trägerinnen. Um die Gewinnchancen zu erhöhen, mussten sie sich gemäss dem Motto ihres Aufzugs gebärden. Ausgezeichnet wurden sowohl Einzel- wie auch Gruppenkostüme.

Vorbereitung vermittelte Freude
Burgi Schmucki, ehemalige Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin, hat während Jahren an den Maskenbällen teilgenommen und wurde mehrmals im `Schwanen` für ihre originellen Kreationen prämiert. „Ich wählt oft ein Motto, das sich auf ein aktuelles Ereignis in der Stadt bezog.“ So trug sie etwa 1971 zum passenden Kostüm kleine Markstände auf ihrem Fastnachtshut, sie gehörten zum Sujet „Flohmarkt“. 1975 lautete ihr Thema: „Stadtweier-Entschlammung“. Im folgenden Jahr war sie Teil einer Zweier-Gruppe die sich „Tonhallen-Romantik“ nannte.

Im Geheimen geschneidert
Woran erinnert sie sich heute noch gerne? „An die besonders schöne Atmosphäre an den Bällen und auch an die ganze Vorbereitungszeit auf die Fastnacht. Ich musste mir ein passendes Motto ausdenken. Wenn wir zu zweit oder eine Gruppe waren, entwickelten wir das Thema gemeinsam. Dann kam das Anfertigen der Kostüme. Dies musste im Geheimen geschehen, denn die Männer durften ja nichts wissen, es sollte eine Überraschung sein.“ Als Preise winkten jeweils Geldbeträge. „Sie waren in einem aufwändig geschmückten Filzsäckchen verpackt.“

Generationenübergang gescheitert
Wie Burgi Schmucki, ist auch ihr Mann Walter ein begeisterter und erfahrener Fastnächtler. Weshalb glaubt der pensionierte Sekundarlehrer, dass die ehemals reiche Wiler Maskenball-Kultur geschrumpft ist? Er nennt mehrere Gründe: „Im heutigen Arbeitsprozess können es sich viel Angestellte nicht mehr leisten übernächtigt am Arbeitsplatz zu erscheinen.

Nach dem Wochenende ist daher für viele die Fastnacht gelaufen.“ Im Weiteren seinen Fastnachtsdekorationen aufwändig und kostspielig. Nicht mehr alle Vereine hätten die entsprechenden personellen und finanziellen Ressourcen. Und zu guter Letzt habe die jüngere Generation die langjährige Tradition nicht entsprechend aufgenommen.

Nacherziehung für Narren
1963 sah sich die Wiler Fastnachtsgesellschaft FGW veranlasst, den „Mäskeli, Butzli und Tüüfel“ schriftliche Spielregeln für den konfliktarmen Umgang miteinander bekannt zu geben. Es ist zu vermuten, dass sich damals die Beschwerden über fastnächtliche Flegel mehrten.
Geben Sie einer Maske, die Sie zum Tanz auffordert, nie einen Korb! Wenn Sie am Maskenball teilnehmen ist es selbstverständlich, dass Sie auch tanzen wollen.

Wenn Sie aber ausnahmsweise einmal lieber nicht tanzen möchten, entschuldigen Sie sich höflich und laden Sie die Maske zu einem Trunke ein!

Suchen Sie hinter das Geheimnis einer Maske zu kommen – auf ehrliche Art, aber keinesfalls, indem Sie ihr die Larve zu lüften versuchen! Das Lüften wäre eine schwere Flegelei!
Seien Sie nie beleidigt durch das, was Ihnen die Maske erzählt, auch wenn es vielleicht tatsächlich zutreffen sollte! Die Maske soll intrigieren; das ist ihr fastnächtliches Recht. Maskenbälle ohne Intrigen sind eine fade und wenig fastnächtliche Angelegenheit.
(auszugsweise Wiedergabe)

Quelle: B. Ruckstuhl, P. Ruckstuhl, W. Warth „Fastnacht in Wil“, 2014

Leider ist das Thema dieses Kostüms nicht mehr bekannt.<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>
Leider ist das Thema dieses Kostüms nicht mehr bekannt.















Maskenball-Plakat aus einem unbekannten Jahr.<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>
Maskenball-Plakat aus einem unbekannten Jahr.
















In diesem Kostüm steckt ebenso viel Fantasie wie Arbeit.<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>
In diesem Kostüm steckt ebenso viel Fantasie wie Arbeit.
















Bei diesem Plakat aus dem Jahr 1997 tauchen wehmütige Erinnerungen auf.
Bei diesem Plakat aus dem Jahr 1997 tauchen wehmütige Erinnerungen auf.

Ein kunterbunter Reigen an fantasievollen Kostümen in den folgenden Bildern.
Ein kunterbunter Reigen an fantasievollen Kostümen in den folgenden Bildern.

Maskenball 8
Maskenball 8

Maskenball 11
Maskenball 11

Maskenball 14
Maskenball 14

Maskenball 17
Maskenball 17

Maskenball 20
Maskenball 20

Maskenball 25
Maskenball 25

Maskenball 32
Maskenball 32

Maskenball 34
Maskenball 34

Maskenball 32
Maskenball 32

Maskenball 31
Maskenball 31

Maskenball 35
Maskenball 35

Maskenball 36
Maskenball 36

Maskenball 37
Maskenball 37

Maskenball 38
Maskenball 38

Maskenball 40
Maskenball 40