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Wil: 14.02.2018
Am Podium mit drei Gesprächspartnern unterhielt sich Regierungspräsident Fredy Fässler zum Thema Leihmutterschaft. v.l.: Alvaro, einer der Partner mit Leihmutterkind, Regierungspräsident Fredy Fässler, Rechtsanwältin Karin Hochl und Theologe Franz Kreissl.
Am Podium mit drei Gesprächspartnern unterhielt sich Regierungspräsident Fredy Fässler zum Thema Leihmutterschaft. v.l.: Alvaro, einer der Partner mit Leihmutterkind, Regierungspräsident Fredy Fässler, Rechtsanwältin Karin Hochl und Theologe Franz Kreissl.

Leihmutterschaft als letzter Ausweg?
Die rechtliche Auseinandersetzung mit der Handhabung der in der Schweiz verbotenen Leihmutterschaft zielt darauf ab, bei Ankunft des Kindes dessen Wohl in den Vordergrund zu stellen.
Niklaus Jung
In seiner präsidialen Themenreihe nahm sich Regierungspräsident Fredy Fässler am Montagabend an der Kantonsschule Wil dem Thema „Leihmutterschaft“ an. Zum Podium mit Fässler waren der Vater einer Leihmutterschaft, Rechtsanwältin Karin Hochl und Franz Kreissl vom Bischöflichen Ordinariat geladen. Thema war der Kinderwunsch zweier gleichgeschlechtlicher Partner , welche über eine Leihmutter aus den USA zu ihrem Sohn kamen. Die Schilderungen des Vaters über den Verlauf der Leihmutterschaft zeigte auf, dass es eine ganze Reihe Hürden und Risiken zu überwinden gilt. Rechtsanwältin Karin Hochl hatte bisher praktisch nur gleichgeschlechtliche Beratungen auszuführen. Für Franz Kreissl steht trotz allem Respekt zur Entscheidung die Frage im Raum, wie man das Recht auf ein Kind ableiten kann.

Regierungspräsident Fredy Fässler, Departementsleiter Sicherheit und Justiz, geht in seinem Präsidialjahr Fragestellungen nach, welche nicht umgehend zu beantworten sind. Es gehe ihm auch darum, Situationen zu hinterfragen, welche im fremd seien. Die in der Schweiz verbotene Leihmutterschaft lasse uns nicht am Thema vorbei schauen. Weil Leihmutterschaft über ausländische Kontakte praktiziert werde, müsse für die rechtliche Situation des Kindes in der Schweiz gesorgt werden.

Leihmutterschaft schon zu biblischen Zeiten
Für die Klärung der rechtlichen Situation war Fürsprecher Lukas Iseli vom Bundesamt für Justiz zu einem Einführungsreferat geladen. Iseli belegte eingangs seiner Ausführungen, dass es schon zu biblischen Zeiten Leihmütter gegeben habe. Die wohl erste Leihmutter sei Hagar, die Magd von Sara und Abraham gewesen. Es gebe noch weitere Beispiele aus der damaligen Zeit. Heute werde das Thema Leihmutterschaft allerdings anders wahrgenommen.

Bei uns in der Schweiz ist nach Iseli die Vorstellung fremd, über eine Leihmutterschaft zu einem Kind zu kommen. Es gebe eine ganze Reihe Zielkonflikte und Interessenabwägung. Im Raum stehen die Risiken für die Leihmutter und das Kind mit möglichen psychischen Belastungen, welche für Schweizer Verständnisse nicht akzeptabel seien. Beim Kind stehe neben dem rechtlichen Standpunkt auch dessen Würde im Raum. Der Wunsch nach einem Kind soll über die Adoption erfüllt werden.

Das Verbot der Leihmutterschaft in der Schweiz verlange dennoch eine Regelung, wenn ein Kind aus einer Leihmutterschaft in die Schweiz kommt. Rechtlich stehe das Wohl des Kindes im Vordergrund, sodass die Eltern das Kind behalten dürfen. In Italien z.B. werde das Kind den Eltern weg genommen. Weiter gehe dann um eine Teilanerkennung des Kindes seitens der Eltern, wenn nur ein Elternteil an der Zeugung beteiligt war.

Ein Kind für männliche Partnerschaft
Alvaro, spanischer Herkunft und sein Partner aus Deutschland leben zusammen in Zürich. Nach reiflicher Überlegung hätten sie sich den Wunsch für ein „eigenes“ Kind erfüllen wollen. Der Weg über eine Leihmutterschaft habe sich bald einmal ergeben. Zum Werdegang bis zum Kind hätten sie einen langen Weg überwinden müssen.

In den USA sei die Leihmutterschaft klar geregelt. Eine über 100-seitige Vertragsregelung berücksichtige die Verantwortlichkeiten und den Schutz der Eispenderin, der Leihmutter und dem Kind. Eine Adoption kam für die Beiden sehr wohl als erste Lösung in Frage und sie hätten sich darüber informiert. Eine Adoption schien jedoch aussichtslos, da ein Männerpaar in der Schweiz nicht adoptieren darf und ausserdem keine Chance auf ein Kind besteht. Laut Statisktiken kann eine Leihmutterschaft bis zu 100.000 und 150.000 Dollar kosten (Wenn alles reibungslos abläuft). Den Preis ihrer Leihmutterschaft wollten sie nicht nennen.

Kalifornien kennt Leihmutterschaft seit 35 Jahren
Der Werdegang bis zum Empfang des Kindes beschrieb der Vater als technisch ablaufend, aber immer in erwartungsvoller Freude ihrerseits. Über eine Agentur suchten sie via einen Katalog eine Frau für die Ei-Spende. Die gewählte Frau wollte genau wissen, wem sie spenden werde. In Kalifornien konnte die Leihmutter gefunden werden, allerdings über mehrfache Kontaktnahme. Kalifornien hätten sie gewählt, weil dort die Frauen gut geschützt seien. Eine Lösung innerhalb Europa wäre deutlich günstiger gewesen. Wichtig sei ihnen auch gewesen, dass die Frau, selber Mutter zweier Kinder, es nicht wegen Geld machen wollte, was die Frau mit dem Wunsch nach Hilfestellung bestätigt habe. Mit der Leihmutter hätten sie bis heute guten Kontakt. Der Sohn Silvan, unterdessen 10 Monate lebt jetzt bei den beiden in Zürich.

Alvaro, einer der Partner, wies zur rechtlichen Seite darauf hin, dass die Elternschaft klar geregelt werden konnte. Für sie sei weiter klar, dass das Kind einmal erfahren soll, wer die Leihmutter ist. Zur Leihmutter hätten sie bereits während der Schwangerschaft eine nähere Beziehung gepflegt, um den Verlauf begleiten zu können. Zur Herkunft des Kindes hätten die Beiden bisher aus ihrer Umgebung keine negativen Reaktionen gehabt, eher auch Gratulationen.

Das Recht auf ein Kind?
Der Theologe Franz Kreissl schickte seiner Beurteilung voraus, dass er die Entscheidung der beiden respektiere. Die Kernfrage stelle sich ihm über die Ableitung zum Recht auf ein Kind. Dazu gehöre auch wollten wir alles was machbar ist und die dahinter stehenden Bedingungen. Was macht das Kind einmal aus der Vertragssituation. Gibt es eine Garantie, dass das Kind nicht zur Ware wird? In der Situation der Beiden stelle sich weiter die Frage nach dem Umgang mit einer Situation, die nicht änderbar ist. Wie kann man dennoch glücklich werden.

Zur Situation fand Kreissl vorteilhaft, dass die rechtliche Situation für das Kind klar geregelt ist. Aber die restlichen Fragen bleiben offen. Nach Kreissl kommt mit diesem Beispiel nur der Idealfall zur Vorstellung. Letztlich müssten die Eltern den Entscheid vor dem eigenen Gewissen verantworten. Den Vergleich zur Adoption liess Kreissl nicht gelten. Bei der Adoption gilt es vorhandene Probleme zu lösen. Bei der Leihmutterschaft werden Probleme geschaffen.

Rechtliche Beratungen sind gefragt
Die anwesende Anwältin Karin Hochl hat sich nach ersten Beratungsfällen mit Leihmutterschaft detailliert mit dem Thema beschäftigt. Mit der Zeit habe sie Verständnis für den Kinderwunsch aufbringen können. Sie habe immer auf die Wertehaltung der Eltern geachtet. Anfangs habe sie nur schwule Paare beraten, später auch heterosexuelle Partnerschaften.

Bei der Beratung sei die Vermittlung und die rechtliche Situation Hauptthema, so auch die rechtliche Anerkennung des Kindes. Es gebe vieles zu klären, wie auch die Rechte der Leihmutter. Bisher habe sie nie mit Problemen kämpfen müssen.

Diskussion
Aus dem Publikum wurden die Folgen aus der Leihmutterschaft hinterfragt. Natürlich sorge auch die Adoption gelegentlich für Konflikte. Mit der Leihmutterschaft würden aber neue Probleme geschaffen, auch eine Art Machbarkeitswahn komme zum Ausdruck. Dass man ohne Kinder auch zufrieden sein könne, setze eine gewisse Genügsamkeit voraus.

Eingestanden wurde, dass auch Kinder aus Leihmutterschaften normale Kinder sein können. Die Gefahr der Diskriminierung solcher Kinder sei vergleichbar mit z.B. behinderten Kindern. Als schwules Paar eine Adoption zu erreichen, sei praktisch nicht machbar, weil schon viele heterosexuelle Paare auf eine Zuteilung warten.
Regierungspräsident Fredy Fässler begann mit dem Zitat: "Was macht das Fremde in mir?"
Regierungspräsident Fredy Fässler begann mit dem Zitat: "Was macht das Fremde in mir?"

Lukas Iseli, Fürsprecher beim Bundesamt für Justiz, stellte die rechtliche Situation in der Schweiz vor, welche eine Leihmutterschaft verbietet.
Lukas Iseli, Fürsprecher beim Bundesamt für Justiz, stellte die rechtliche Situation in der Schweiz vor, welche eine Leihmutterschaft verbietet.