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Die Uzwiler Glosse der Woche:
Schlüssel
Dies ist die erste Ausgabe des Uzwiler Blatts im neuen Jahr. Erste Gelegenheit also, Ihnen auf diesem Weg alles Gute, Glück und Gesundheit zu wünschen. Auf dass Sie den Schlüssel finden. Ihren Schlüssel, den richtigen Schlüssel, wozu auch immer. Oft hat man ihn ja selbst in der Hand. Und verlegt ihn, allen guten Vorsätzen zum Trotz.
Welches der richtige Schlüssel ist? Das kommt auf das Schloss an. Ein Schloss ist ja gerade dazu da, Menschen aufzuhalten: Jene, die man fernhalten will und jene, die den Schlüssel suchen. Mehr kann es nicht. Ein Schloss stiftet damit vor allem Bedenkzeit. Diesen Nutzen erkennt man freilich kaum, wenn der Adrenalinspiegel hoch ist.
Suchzeit ist keine Denkzeit. Drum ist es sinnvoll, sich in einer Zeit der relativen Ruhe zu überlegen, zu welchem Schloss man gern einen Schlüssel hätte, wo man ihn deponiert und wem man ihn gibt.
Kurt Marti, Heimleiter des Seniorenzentrums, meinte kürzlich:
«Weshalb nur findet man den Schlüssel immer dort, wo man ihn ‹zletzt suecht›?»
Vielleicht liegt es am Schloss?
Lucas Keel
Gemeindepräsident
Melden
Eine Person streicht durchs Quartier. Jemand siehts durchs Fenster. Was tun? Simon Schefer, der Uzwiler Postenchef der Kantonspolizei, beschreibt zwei Handlungsweisen. Die erste Variante ist, freundlich ansprechen: «Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie eine bestimmte Adresse?»
Die zweite Variane ist «melden».
Die zweite Variante ist leider auf dem Vormarsch, drum lege ich Ihnen die Erste ans Herz. Gelegentlich braucht das «Problem melden» ähnlich viel Zeit wie die Erledigung. Drum höre ich hier auf, mach mich an die Erledigung.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
Gute Frage
«Wie können Verkehrsprobleme gelöst werden?» «Können Roboter pflegen?» Regelmässig landen Fragen wie diese auf meinem Tisch. Junge Leute gehen aktuellen Fragen auf den Grund. In Diplom-, Projekt- oder Matura-Arbeiten tragen sie Fakten und Meinungen zusammen und ziehen ihre Schlüsse. Ich versuche, möglichst oft mitzumachen. Ist Ehrensache.

Interessant sind Herangehensweise und Stil. Der Eine stellt ein paar Fragen per Mail und hofft auf druckreife Antworten. Der Nächste liefert vorab das Ergebnis seiner umfangreichen Analyse, er will Lücken füllen. Wiederum Andere plaudern drauflos und nehmen das Interview mit dem Handy auf.

Manchmal bekommt man die Schlussfassung dieser Arbeiten und staunt über die Unterschiede. Und wie erklären sich diese? Das ist eine gute Frage. Es könnte an der Frage liegen. Wenn sie oberflächlich, ungenau und substanzarm ist, man sie mit fünf Minuten eigenem Nachdenken lösen könnte, wirds schwierig. Eine gute Frage macht neugierig, im besten Fall ist sie ein Geschenk.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
Deponiert
60-er Jahre. Es herrscht Notstand. Die Menge an Siedlungsabfall explodiert. Immer mehr Plastik und Metall wird weggeworfen. In Uzwil will man den Abfall zuerst sortieren und dann schreddern. Das funktioniert schlecht. Auch die Kehricht-Verbrennung macht Probleme. Die Deponien in der Region sind voll.

Das ist die Geburtsstunde des Zweckverbands Abfallverwertung Bazenheid, kurz ZAB. Er funktioniert. Auch heute noch. Dass das nicht immer so war, zeigen die Altlasten. Es gibt alte Deponien in der Region, die punktuell wieder befestigt, teilweise auch saniert werden müssen. Und wer zahlt? 50 Jahre später noch präzis mit Lieferscheinen nachweisen, wer was abgelagert hat, ist schwierig. Es drohen komplexe Streitigkeiten, schliesslich geht es um zig-Millionen. Fortsetzung folgt.
Wer Abfall ablagert, deponiert ein Problem.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
Unzugänglich
Wenn Sie die Zahlenreihe 2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, 23, 29 usw. sehen, ist alles klar. Das sind Primzahlen, nur durch 1 und sich selbst teilbar. Schon die alten Griechen wussten, dass es unendlich viele davon gibt. Aber gibt es ein System dahinter oder ist die Reihenfolge zufällig?

Der Mathematiker David Hilbert stellte 1900 in Paris 23 ungelöste Probleme vor. Drei davon sind es immer noch. Eines ist die «Riemannsche Vermutung». Alle Rechnerkapazität auf Erden konnte Bernhard Riemanns Vermutung weder bestätigen noch widerlegen. Er vermutete einfach gesagt, dass Primzahlen in jedem bestimmten Bereich vorhersehbar seien und lieferte eine Formel dafür. Aber ob sie stimmt? Man weiss es nicht. Wer den Nachweis schafft, dem winkt eine Million Dollar.

Nur eine Handvoll Experten durchdringen solche Themen. Nur weil man sie nicht (ganz) versteht, heisst es nicht, dass sie nicht relevant sind. In unserer Welt kommt man nicht umhin, anderen zu vertrauen. Das fällt leichter, wenn man mehr versteht. Ein Freund erinnerte mich gestern, dass auch bei uns einige Menschen kaum lesen und schreiben können. Das ist gefährlich, für die Ungebildeten und die Gesellschaft. Vielleicht sollte die Volksschule nicht an ein Alter, sondern an ein Niveau gebunden sein?
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Herbst
«Wenn er so die Strassen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: Schritt – Atemzug – Besenstrich.»

Genauso geht es mir beim Laubrechen: Schritt – Atemzug – Rechenstrich. Die Zeit vergeht und ehe man sich versieht, ist die Arbeit getan, das Laub von der Wiese entfernt. Man erkennt gut, dass man seine Arbeit erledigt hat, die Laubhaufen türmen sich unter den Sträuchern und die Wiese ist wieder grün – nur mit Handarbeit und ohne Lärm eines Laubbläsers.

Das Laub raschelt, es schmeckt nach Herbst, vielleicht ist es etwas neblig. Laubrechen animiert dazu, seine Gedanken «spazieren gehen zu lassen». So wie Beppo der Strassenkehrer aus dem Buch Momo von Michael Ende.

Und dann kommt ein Windstoss, der wieder Blätter von den Bäumen auf die Wiese weht und die Arbeit kann von vorne beginnen…. Ich liebe den Herbst!
Renate Graf
Gemeinderätin

Früchte
Herbst, Erntezeit. Und wer, ausser den betroffenen Landwirten, erinnert sich noch an den Frost vom Frühjahr? Die Gestelle sind voll, die Auslage von Früchten und Gemüse ebenso.

Martin Müller beschreibt in seinem Buch «Geschichte der Gemeinde Henau» die Hungersnot von 1816/17. Der Winter 1815/16 brachte unerhört viel Schnee. Der Frühling begann mit erschreckenden Niederschlägen. Der Sommer war nass und kalt. Die Kartoffeln verfaulten. Das wenige Getreide wurde durch fürchterliche Hagelwetter vernichtet. Kaum ein Sechstel des üblichen Ertrags konnte geerntet werden. Folge: galoppierende Inflation. Die Leute assen Katzen, Hunde, Gras und Schnecken. Am 18. Dezember 1817 erlaubte der Gemeinderat 34 Familien das Betteln, am 14. Januar waren es 47 – zuviele. Dann wurde betteln verboten, weil es nichts mehr zu betteln gab. Die Sterblichkeit verdreifachte sich. In 12 Wochen gab eine einzige Suppenküche 21'700 Portionen aus. Die Gemeinde kaufte im Ausland Getreide, startete ein Arbeitsprogramm, verschuldete sich, musste die Steuern erhöhen.

Erkenntnisse: 1. Dankbar sein. 2. Solide Strukturen schaffen. 3. Solidarität braucht Führung.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Bitzeli
In unserer Umgangssprache fallen drei Worte auf: «achli», «ä bitzli» und «eigentli». Wozu eigentlich diese Verkleinerungsformen? War das nicht ganz so ernst gemeint? Doch, doch! Es war sehr ernst gemeint, kein bisschen abgeschwächt. Wer ä bitzeli an den Herbstmarkt geht, kommt wahrscheinlich nicht so schnell wieder nach Hause. Der Gemeinderat will die Steuern achli senken.

Es hat etwas urschweizerisch-sympatisches, wenn man sich nicht grösser macht, als man ist. Es macht auch weniger angreifbar. Die Verkleinerungsform schützt vor Rechtfertigung, ist auch eine Tarnung. Dafür nimmt sie einem Entscheid, Kraft und Energie. Muss nicht sein!

Machen Sie den Versuch und Sie verzichten auf «achli», «ä bitzeli» und «eigentli». Sie gehen an den Herbstmarkt und der Gemeinderat senkt den Steuerfuss.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Zaudern
Waldegg. Ein Mann geht eilig am Strassenrand, offensichtlich gen Bahnhof. Ich sehe ihn aus dem Auto. Als ich auf gleicher Höhe bin der Gedanke: «Mitnehmen?»

Für gewisse Entscheide gibt es ein Zeitfenster. Sind sie vorbei, geht die Welt weiter. «Ah chum!»

Aber war das wirklich zu spät? Oder nur eine bequeme Ausrede? Am Ende der Brumoosstrasse wende ich wider den inneren Schweinehund, fahre zurück, einmal um den Waldeggkreisel und wieder die Strasse hoch.

Von guten Taten erzählen, gehört sich nicht. Jede und Jeder haben schon Wartende an der Bushaltestelle nach ihrem Ziel gefragt und mitgenommen. Was mich jedoch erstaunt hat ist, wie weit jemand in dieser Zeit zu Fuss kommt.

Zaudern muss schneller gehen.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Es herbstet
Wir haben vorletzte Woche einen recht abrupten meteorologischen Übergang erlebt. Noch war es drückend heiss, zwei Tage später waren warme Kleider angesagt. Nichts Besonderes; das gehört zum normalen Lauf des Wetters.

Wer älter wird, erlebt Ähnliches mit seinem Körper und seinem Geist. Noch fühlten wir uns fit und jung. Doch plötzlich stellt man Defizite fest: Die Knochen zeigen Abnützungserscheinungen, auf der Bergtour muss man den Jüngeren den Vortritt lassen, und am Stammtisch wird man mehr oder weniger sachte darauf hingewiesen, dass man nun auch zu Jenen gehöre, die früher alles besser fanden.

Der Herbst ist eine wunderschöne Jahreszeit. Es ist die Zeit der Ernte. Ich kann wählen: Ich kann die Früchte der Erde und des Lebens geniessen und mich an der Abendsonne (noch so eine Metapher!) wärmen. Oder ich denke ständig an den Winter, der auf diese Zeit folgt. Das mindert meinen Genuss, es ändert jedoch nichts am Lauf der Dinge.

Ein geflügeltes Wort sagt, der Pessimist wird zuletzt vielleicht Recht haben, der Optimist ist bis dann jedoch glücklicher.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Herbst!
Hanspeter Haltner
Gemeinderat

Keine
Der Vorgang lässt sich auf verschiedene Themen, auch auf aktuelle und medial diskutierte übertragen. Er sei am Beispiel von geplanten grösseren Überbauungen beschrieben: Bauherrschaft und Architekt stellen ihre Pläne der Nachbarschaft vor. Die Gemeinde ist auch dabei, gehört sich so. Am Schluss die Fragerunde. Früher fand ich es ungerecht, dass dann jeweils die Gemeinde in Kreuzverhör genommen wurde und x Fragen beantworten musste, teils mit emotionalem Unterton. Bis mir ein Bauherr augenzwinkernd erklärte, weshalb die Gemeinde und nicht der Private sich erklären muss: «Wir machen eben auch keine Fehler!»
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Reisezeit
07.08 Uhr, Hauptverkehrszeit, will mit dem Zug nach St. Gallen. Ich wähle einen Stehplatz im Eingangsbereich, drück mich in eine Ecke, um fünf jungen Damen Platz zu machen. Die Teenies diskutieren. Bewusst versuche ich, dem intimen Gespräch über neuste Frisuren nicht zuzuhören, fühle mich belustigt deplatziert, starre an die Decke, aus dem Türfenster. Trotz dem Weghören erfahre ich unfreiwillig, wie man sich selbst mit Hilfe eines Schwamms ein Kunstwerk auf den Kopf flechtet, spiegelverkehrt nota bene. Ich könnte das nicht.

Muss schmunzeln, als eine junge Frau wortreich beschreibt, wie sie extra um fünf Uhr aufsteht, um das Badezimmer eine halbe Stunde für sich zu haben, ohne den Vater, der stört.

Hat sie grad mich angeschaut? Ich sag ja gar nichts. Wer für sich sein will, muss eben früher ins Bad. Oder früher auf den Zug.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Biologische Vielfalt
Still und leise ohne Getöse verschwanden viele Insekten, Tiere und Pflanzen aus unserem Lebensraum. Gestört und zerstört, was tausende Jahre gebraucht hat, um in der Natur zu entstehen.

Unser Ökosystem ist ein sehr komplexes Zusammenspiel der verschiedensten Organismen – einer vom anderen abhängig. Je mehr wir in dieses austarierte System eingreifen, desto mehr fällt es aus dem Gleichgewicht, mit den uns bekannten Folgen.

Die Konsequenzen unseres Handelns tragen die kommenden Generationen.

Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist nicht, wer trägt die Schuld an der Verarmung der Natur und dem Verlust der Artenvielfalt. Die Frage muss lauten: Was ist uns allen die Biodiversität wert? Und was sind wir als Gesellschaft bereit, dafür zu tun, damit das Artensterben nicht ungehindert weitergeht?
Dora Hadorn
Gemeinderätin

Eintritt
Selten zahlt man mit einem Eintrittspreis die vollen Kosten. Auch in der Badi nicht, wie jüngst von den Medien festgestellt wurde. Auch ein Bahn- oder Busbillett ist je nach Strecke um den Faktor 3 subventioniert. Wer glaubt, dass er mit der Krankenkasse den Spitalaufenthalt zahle, irrt. Es sind gerade mal 45 Prozent, den Rest finanziert der Kanton. Die 200 Franken, die ein Sportverein für die Turnhalle im Jahr zahlt, sind ein Klacks.

Das Problem ist wohl eher, dass auf dem Kassenzettel nicht die vollen Kosten stehen. Selbst wenn ein Badi-Eintritt 12 Franken statt 5.50 Franken kosten würde, muss man sich noch sehr herzlich beim Steuerzahler bedanken. Das tue ich hier und jetzt, besonders namens der Eltern, die froh sind, auch in diesen Ferien die überschüssige Energie ihrer Sprösslinge abbauen zu können.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
PS 1: Eine Erhöhung des Badi-Eintritts ist nicht geplant. Der Kinderpreis bleibt beim historischen 1 Franken.
PS 2: Tiefer Eintrittspreis, dafür den Parkplatz bewirtschaften? Das wäre zu überlegen. In die Badi kann man zu Fuss oder mit dem Velo.

Ist die Gemeinde Nährboden für Sozialkompetenz und Kreativität?
Am 1. und 2. Juni 2017 fand zum 19. Mal das Swiss Economic Forum statt.
Ein Thema war die künstliche Intelligenz. Eine bahnbrechende Neuerung, die unser Zusammenleben verändern wird. Kreativität und soziale Fähigkeiten sind auch in naher Zukunft nicht von Maschinen zu ersetzen.

Wenn ich an die vielen Menschen denke, die sich sozial in Vereinen engagieren, in der Freizeit eine Gruppe führen oder wie viele kreative Ideen in der Schule umgesetzt werden, dann freue ich mich auf die Zukunft. Da müsste man meinen, die Vereine werden mit Anfragen überrannt, sich in Vorständen oder als Trainer zu engagieren.

Und wo entstehen die kreativen Ideen? Meist in den Momenten, in denen kein Druck vorhanden ist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen kreativen Sommer mit vielen Ideen und den Vereinen wünsche ich viele Menschen, die sich in Sozialkompetenz und Kreativität weiterentwickeln möchten.
Christine Wirth-Angehrn
Gemeinderätin

Schluss
Einer referiert. Und beginnt seinen Vortrag mit der Einladung: Wer eine Frage habe, solle doch sofort fragen.

Ist das nötig? Erstens sollten sich viele Fragen im Lauf eines Referats erübrigen, weil jedes Referat mehr Fragen beantworten als aufwerfen sollte. Zweitens stört eine Frage den Fluss des Redners und der Zuhörer. Und drittens ist es gutes Gedächtnistraining, sich seine Frage zu merken. Geht sie vergessen, kann sie nicht so wichtig gewesen sein.

Wie kommt es, dass man Fragen immer und jederzeit erlaubt?
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Simultan
Eine Delegation aus dem tschechischen Liberec besuchte kürzlich Uzwil. Sie wollten wissen, wie Raumplanung hier so funktioniert. Der Kanton vermittelte diesen Kontakt. Das ehrt. Er zeigt ja wohl keine schlechten Beispiele.

Raumentwicklung ist ein langsamer Prozess. Das wird noch mehr bewusst, wenn man ihn Dritten beschreibt. Der Ursprung der jetzigen Planung liegt zehn Jahre zurück, an einer Veranstaltung mit über 200 Personen. Aus dem Ergebnis wurden Visionen für das Jahr 2040 formuliert und von einem 40-köpfigen Beirat verabschiedet. Die Umsetzung läuft in Schritten, etwa in der Revision des Zonenplans und des Baureglements im Jahr 2014. Die Zentrumsentwicklungen gehören dazu, angefangen vom kleinen Lindenplatz zum grossen Benninger-Areal. Man braucht ein robustes Gesamtbild, sonst bringt man die Puzzle-Teile nie zusammen.

Beeindruckt hat am Austausch mit den Tschechen der Dolmetscher. Ungewöhnlich, dass jemand einem die Sätze aus dem Mund nimmt und sie live übersetzt – nonstop, in beide Richtungen. Erkenntnis: Es gibt nicht nur sprachliche Barrieren. Auch Raumplanung muss übersetzt werden.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Doppelt
Die Kreuzbleiche-Turnhalle in St. Gallen wurde 1987 international ausgezeichnet. Heute genügt sie dem Schweizerischen Handballverband nicht mehr. Zuviel Turnhalle und zu wenig Restaurant für die Sponsoren.

Über die Macht der Sportverbände sollte man nachdenken. Der Fussballverband und auch der Hockeyverband sind nicht besser. In den Richtlinien für die Erstellung von Fussballanlagen liest man von Spielfeldgrössen, wieviel Licht in jeder Ecke eines Sportfelds nötig ist, ok. Man liest aber auch von Sauna und Office für Sponsoren. Ab der ersten Liga braucht es gesicherte Zugänge zum Spielfeld. Der Schiedsrichter soll unversehrt wieder nach Hause kommen. Klar: Es braucht die Verbände, weil nicht jeder die Spielregeln selbst erfinden kann und der ganze Spielbetrieb organisiert sein muss.

Allerdings: Wer zahlt die Infrastruktur? Die Öffentlichkeit. Dafür kann die Gesellschaft von den Verbänden eine Gegenleistung erwarten. Beispielsweise, dass sie direkt auf die Stars als Vorbilder einwirken. Die Gesellschaft braucht beispielsweise keine Leute, die keine (Schiedsrichter-)Entscheide akzeptieren können und ihre Anspruchshaltung maximieren. Das schadet der lokalen Vereinsarbeit – und ärgert deshalb doppelt.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Aufsatz schreiben... puuuh...
Ich muss eine Kolumne mit max. 1'000 Zeichen schreiben. Das ist der Auftrag. Es ist wie bei einem Aufsatz in der Schule. Zuerst ein Thema finden, dann eine logische Reihenfolge ausarbeiten und anschliessend eine Formulierung wählen, die spannend sein soll zu lesen. Das ist mir immer schon schwer gefallen und der Erfolg war jeweils auch mässig.

In der Primarschule wurden die besten Aufsätze vom Lehrer vorgelesen, meiner sicher nie. In der Sekundarschule dachte ich einmal, jetzt hast Du einen tollen Aufsatz geschrieben, doch ich sah nur die roten Korrekturen meiner Schreibfehler und die Note!?! Okay, nicht aufgeben ist die Devise. Irgendwann wirst auch Du noch Freude an Aufsätzen bekommen. Einen letzten Versuch gab es beim Sprachaufenthalt in London, doch auch dieser scheiterte kläglich, leider auch kein Streich-Resultat. Nein, es gab sogar ein Ungenügend im Diplom. Das wars dann. Seither lasse ich lieber andere Aufsätze schreiben.
Ruedi Müller
Gemeinderat

4 Bauern
Capanna Corno Griess, die moderne SAC-Hütte ist in 2 ½ Stunden vom Nufenen-Pass erreicht. Nach dem Aufstieg mit den Skis geniesst man Aussicht und Sonne. Es ist erst nach Mittag. Und was jetzt? Als Ungeübter mit möglichen Profis jassen und dann noch «Coiffeur»? Ein mulmiges Gefühl.

Wenn man mit Freunden auf eine mehrtägige Skitour geht, schwingt die leise Angst mit: Schaff ich das? Karten und Berichte geben etwas Sicherheit, aber man kennt eben auch den eigenen Trainingsstand.

Ein neues Spiel wagen, eine neue Tour wagen vielleicht macht es Mut, wenn man weiss, dass andere diese Zweifel auch haben, ob sies können, schaffen. Auch wenn man es ihnen nicht ansieht. Und vielleicht wird man ja vom Glück begünstigt. Zum ersten Mal im Leben hatte ich beim Jassen vier Bauern. Und was nützen die beim «Coiffeur»? Nichts. Glück haben, wenn man es nicht braucht, das macht glücklich.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Lebenserwartung
Rentenreform. National- und Ständerat versuchen, sich heute zu einigen. Was sie auch tun werden, es wird unpopulär. Rente um mickrige 70 Franken erhöhen? Unpopulär. Rentenalter erhöhen? Unpopulär. Umwandlungssatz senken? Unpopulär. Nichts tun, geht auch nicht. Nur an Eigenverantwortung appellieren geht auch nicht – man kann schlecht mit sich allein solidarisch sein.

Was also tun? Feinere, kleinere Kurskorrekturen! Wenn es stets Jahre dauert, bis sich die Bundesversammlung mit so komplexen Themen befasst hat, fährt das Schiff zu lange in die falsche Richtung.

Es wird also ohnehin unpopulär. Auch Kompromisse sind unpopulär. Wer sie vermittelt, muss sich je nach Partei Wischiwaschi oder Abweichler schimpfen lassen, weil er die Unzufriedenheit gleichmässig verteilt. Das ist aber im Sinn der Sache gut zu ertragen: «National- und Ständeräte, das Volk und die Gemeinden brauchen eine Rentenreform! Niemand kennt die Zukunft, deshalb mehrere kleine Schritte machen. So hat man den besseren Stand, ist beweglicher, kann die Wirkung besser abschätzen. Ihr müsst euch zusammenraufen.»
Und: Weshalb nicht bereits mit 18 in die Pensionskasse einzahlen statt erst mit 25? Das gäbe sieben Jahre Lebenserwartung.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Zentrum
Jedes Zentrum schliesst ein anderes Zentrum aus. Es soll magnetisch wirken, aus sich heraus. Man sollte ohne Erklärung spüren, dass man in der Mitte, im Herz ist. Ob man das schaffen kann? Ja, weil auch jedes andere Zentrum, das wir als solches empfinden, genau so entstanden ist. Aus einer inneren Überzeugung, dass das ein guter Ort sei.

Wenn eine Firma eine Produkt, eine Maschine verkauft, dann verkauft sie ein Stück Zukunft: Der Käufer braucht die innere Überzeugung, dass er damit die Herausforderungen von morgen besser bewältigt. Und seinerseits einen Beitrag «for a better world» leisten kann.

Uzwil hat Erfahrung und Kompetenzen darin, diesen Glauben an die Zukunft in die Welt zu tragen. Man muss sich deshalb nicht als Nabel der Welt fühlen. Aber sein Licht unter den Scheffel stellen? Auch nicht. Uzwil wird nicht übermütig oder übermutig. Und Schritt für Schritt vorwärts machen, für die Anforderungen von morgen. Auch Morgen sucht noch jeder sein eigenes Zentrum und will es mit anderen teilen.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Power
So viel wie möglich auf der untersten Ebene erledigen. Und auch die Kompetenzen dort ansiedeln. So organisiert sich die Schweiz, «Subsidiaritätsprinzip» genannt, abgeleitet vom lateinischen Subsidium (Hilfe, Reserve). Der Obere (Kanton) soll nur dann helfend eingreifen, wenn der Untere (Gemeinde) überfordert ist.

Helfend wäre das Stichwort, wäre. Am Subsidiaritätsprinzip wird gern geknabbert. Immer mehr Aufgaben ziehen Bund und Kanton aus fadenscheinigen Gründen an sich, weil man dort Vielfalt und Kreativität nur schwer erträgt. Die «Oberen» wollen gern eine perfekte Welt, welche die «Unteren» unnötig finden. Umgekehrt ist es leider auch so, dass die «Unteren» heisse Kartoffeln gern nach oben schieben.

Wie tritt man diesem Trend entgegen? Indem man sich verstärkt, verbündet. Hier will der Gemeinderat in den nächsten vier Jahren den eingeschlagenen Weg fortsetzen. Er will trag- und leistungsfähige Kooperation schaffen, einen neuen Reifegrad erreichen. Mit den Nachbarn auf Augenhöhe. Gemeinsam steuern, gemeinsam verantworten. Für mehr Power an Uze, Glatt und Vogelsberg. Ob «first» oder «second» ist egal.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Milchmann
Besuch bei der Spitex an der Birkenstrasse. Wie ist der Stand der Dinge? Eine feine Einrichtung ist das, die Spitex, mit ihren flexiblen Mitarbeiterinnen. Der Einsatzplan zeigt: Kein Tag wie der andere. Und trotzdem muss alles geplant sein.

Neue Aufgabenfelder kommen auf die Gesundheitsversorgung zu. Demenz, anspruchsvolle Wundbehandlung, mehrfache Keimresistenz, der «blutige Patient» aus dem Spital. Die Stichworte sind einfacher geschrieben als umgesetzt. Auch die Unterstützung im Alltag, wenn die mentale und die körperliche Kraft fehlt, kann für alle anspruchsvoll sein. Ein Kernbedürfnis hingegen ist konstant: Menschen möchten, dass man sie nicht nur als Kunden behandelt, sondern ihnen als Menschen begegnet.

Ohnehin ändert nicht alles so schnell. Auf die Kommunikationswege der Spitex angesprochen, schmunzelt Helen Bühler: Sie haben zwar den Milchmann abgeschafft, aber nicht den Milchkasten!
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Schmerz
Einfache Rezepte für komplexe Themen? Gut! Nichts soll komplexer gemacht werden als nötig. Zu einfache Rezepte sind hingegen eine Beleidigung für das Auffassungsvermögen des Gegenüber: traut man (sich) nicht zu, mehr zu begreifen?

Einreiseverbote, Mauern und Einschränkungen der Versammlungsfreiheit gehören für mich zu diesen zu einfachen Rezepten, die Unternehmenssteuerreform III zu den zu komplexen. Die Lösung sehe ich darin, dass man nicht nur redet oder schweigt, sondern diskutiert. Und danach (!) entscheidet. Prüfstein: Die neue Lösung muss besser sein als die alte, Tempo ist wichtig, Richtung ist wichtiger.

In einer Demokratie gibt es nicht nur das Recht zu reden, man muss auch schweigen dürfen, zweifellos. Solange keine Partei Aussicht hat, 51 % zu erreichen, kann man opportunistisch und parteilos bleiben. Ist diese Marke allerdings überschritten, gibt es noch Reden, aber keine Diskussionen mehr. Es könnte sein, dass man sich dann die Augen reibt, selbst wenn man sich zur Mehrheit zählte. Plötzlich müssen Menschen für Versammlungs- oder Medienfreiheit kämpfen, Werte, die uns zu selbstverständlich geworden sind.
Woran man ein demokratisches Recht erkennt? Es «schmerzt» einen, es dem andern zu geben.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Kompetenz
Feuerwehrdepot, der Saal dient als Atelier. Ein selbst gebautes Architekturmodell, Handskizzen, Fotos und Symbolbilder prägen den Raum. Die Tische sind zu einem Block zusammengeschoben. Junge Leute arbeiten konzentriert.

Marco Bruggmann studiert an der ETH Architektur. Er hat zusammen mit Matthias Mahler fünf Kolleginnen und Kollegen motiviert, will eine städtebauliche Vision für Uzwil erarbeiten. Eine Woche haben sie analysiert, interviewt, Fakten zusammengetragen. Diese Grundlagenarbeit steckt nun in neun Couverts, ist Stoff für weitere sieben Kolleginnen und Kollegen. Sie sollen am Samstag zusätzliche Ideen einbringen und gehen dann wieder..

Zum Ergebnis, der städtebaulichen Vision, hat mich die Organisationsfähigkeit der jungen Menschen beeindruckt: sich ein ambitiöses Ziel stecken, dieses aufteilen, Menschen zum Mitmachen gewinnen, in wechselnden Teams dran arbeiten. Am Schluss zusammenfügen und in Deutsch und Englisch präsentieren. Das hätten die 69-er auf diesem Niveau kaum gekonnt. Eine reife Leistung. Auch weil man in der Schule mehr im Team arbeitet? Offenbar macht unser Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Hochschule vieles richtig.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Kopfkissen
23. Dezember 2016, 16.25 Uhr, Mail-Eingang. Lese, bin nicht besonders überrascht. Alles im längst erwarteten Rahmen. Bis auf die letzten zwei Sätze im Mail. Da gibt es so Fragmente wie «wir verweisen Sie darauf» – mit Betonung auf «Sie». Und «fällige juristische Schritte einleiten». Fällige, nicht allfällige. Es ist die Rede von «publizistisch aufnehmen», was «sicher nicht nötig» sein werde. Aha, eine unverblümte und unnötige Drohung.

Reaktion? Sofort in die Tasten hauen. Zu den Fakten einen zornigen Exkurs zurückschreiben, was man von solchem Geschäftsgebaren halte. Nicht wegen der Rechtslage oder der Sache selbst, wegen des Tons. Alles hat Grenzen.

Wenn man früher am Abend einen geharnischten Brief schrieb, konnte man ihn am Morgen noch aus dem Postausgang fischen. Erkenntnis des Schlafs: Nicht überreagieren, auf unprofessionell professionell reagieren. Gelingt nicht immer. Und Asche aufs Haupt: Man machts selbst nicht immer besser.

Heute liegt zwischen Schreiben und Senden nur ein Mausklick. Der Zeitdruck ist hoch. Unters Kopfkissen legen, drüber schlafen ist noch schwieriger geworden. Aber nötiger.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Wunsch
Weihnachtszeit, Jahres-Ende. Wir wünschen uns eine beschauliche Adventszeit, ein geruhsames Weihnachtsfest im Kreis der Lieben, Glück und Gesundheit im Neuen Jahr. Ich schliesse mich gern an, wünsche Ihnen das Allerbeste.

Es wird wiederum so sein, dass man nicht jeden Gruss, jede Aufmerksamkeit, jedes Geschenk in gleichem Mass zurückgeben konnte, wie es sich eigentlich gehören würde. Wie soll man damit umgehen, ohne in inneren Stress zu geraten? Diesen Stress, den niemand wollte und der diese festliche Zeit ins Gegenteil des Beschaulich-Geruhsamen verkehrt??

Schreiben Sie sich auch selbst eine Karte, zu Weihnachten und zu Neujahr, stellvertretend für alle, die es nicht mehr geschafft haben, Ihnen zu schreiben, zum Beispiel ich. Danke!
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Dual
Die Begegnung mit Suzi LeVine, der amerikanischen Botschafterin, wird den Oberstufenschülern von Lehrer Markus Eugster in Erinnerung bleiben. Sie haben der Botschafterin am Montag erklärt, wie das Projekt GLOBE (www.globe.gv) funktioniert: Schüler aus aller Welt beobachten die Natur. Sie zeichnen das Wachstum von Pflanzen minutiös und wissenschaftlich korrekt auf. Dasselbe tun sie mit den Wolken am Himmel. Sie vergleichen Satellitenaufnahmen der Nasa mit den Wolkenbildern, die sie vom Boden aus sehen. Zum Instrumentarium gehören etwa ein phänologisch aufgeteilter Garten oder die Wetterbeobachtungsstation.

Bemerkenswert, wie die jungen Leute in gutem Englisch der Botschafterin ihre Arbeit erklärt haben. Und selbst zu Botschaftern wurden, indem sie ihre Arbeit übersetzt haben. Suzi LeVine ihrerseits legte ihnen die Berufslehre ans Herz. Das duale Bildungssystem habe grossartige Vorteile und sei nicht einfach zu kopieren. Beide, Schüler und Botschafterin, haben etwas gelernt − so geht dual auch..
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Weiterbildung
Jeder kann alles werden, ob Frau, ob Mann. Egal, wie die Noten in der sechsten Klasse waren, wie die soziale Herkunft ist. Auch eine Berufsmatura öffnet die Türen zu den Fakultäten. Toll, wie durchlässig Bildung heute ist.
Konsequenz: Weiterbildung! Man ist nie fertig mit lernen. Das setzt Menschen von innen unter Druck. Man genügt dem System und sich nicht.
Nun liegt das spannende Intensivstudium an der Uni ein Jahr zurück. In meinem Rücken stehen Ordner mit dem versammelten angesammelten Wissen. Erkenntnis: Ist die Lerngeschwindigkeit höher als die Umsetzungsgeschwindigkeit, resultiert Stillstand. Auch das steht sicher in einem Ordner. Und die Lösung?
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Multi
Jeder versuchts und keiner kanns − Multitasking. Selbst der PC kanns nicht wirklich. Es nervt, wenn der Virenscanner im Hintergrund bremst. Versuchte heute trotzdem, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Bin Gescheitert. Strategien entwickeln, diskutieren und gleichzeitig einen Text schreiben geht einfach nicht.

Was mich beruhigt, ich bin damit nicht allein. Schon beim Telefonieren werde es kritisch, haben Forscher aus Utah in einem klinischen Test festgestellt. Die Fehlerquote sei vergleichbar mit 0,8 Promille Alkohol im Blut. Und eine Kollegin sagte mir, dass sie schon bügeln und fernsehen könne. Sie könne sich dann einfach an nichts mehr erinnern. Fokussieren! Sonst können wirs gleich vergessen.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Ansage
Was haben Metzger, Banker, Gefängniswärter, Lokführer, Google-Mitarbeitende, Pflegende und ganze Nationen gemeinsam? Ihre Zufriedenheit wird erforscht und regelmässig thematisiert. OECD, Gallup, WHO, Hochschulen und Verbände kommen in ähnlichen Fragen zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Erkenntnis: Das Glück der Andern macht nicht sicher auch glücklich. Und der Beste ist der zweite Platz, man kann noch glücklicher werden. Bei Unternehmen und Gemeinden geht der Puls höher, wenn wieder ein Ranking publiziert wird. Bis das nächste bessere Ranking der Hektik die Grundlage entzieht, aus unerklärlichen Gründen.

Der Gemeinderat geht an die Planung der nächsten vier Jahre. Er wird Prioritäten setzen und sich fragen: was bringt uns vorwärts? Ein anspruchsvoller Prozess, weil sich Politik oft darauf beschränkt, das Unglück gleichmässig zu verteilen.

Vor 4 Jahren las ich im Tagblatt von Anna Beck. Die damals 12-jährige Uzwilerin fragte, ob sie ihr Glück auch voranmelden könne. Sie habe einen 20-Kilometer-Lauf in der Schule und freue sich so darauf!

Glück voranmelden, das ist ein Ansatz! Ich melde uns einmal an, vorsorglich. Und sage Ihnen in vier Jahren, wo wir überall Glück hatten.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Denksekunde
1984. Fotokurs bei Seklehrer Sepp Hersche. Alles mechanisch und chemisch, nichts digital. Zuerst die Frage: was willst Du, welche Emotionen soll Dein Bild ansprechen? Dieses dann finden, herstellen oder inszenieren. Dazu tausend Fragen klären: Mensch, Tier, Objekt? Bewegtes Bild, stehendes Objekt? Wie laufen die Linien? Wo Nähe, wo Distanz? Wie fällt das Licht? Mein Versuchsobjekt: Ich will die Autobahn nachts fotografieren. Also Stativ aufstellen, Kamera mit Drahtauslöser und Objektiv mit der richtigen Brennweite montieren, Film mit der richtigen ISO einlegen, Lichtverhältnisse messen, Bildausschnitt mit Mond wählen, Blende auf, mit der Verschlusszeit experimentieren.

In der Dunkelkammer kommt die Arbeit ans Licht: Die Negative, dann die Abzüge entwickeln, Überraschung inklusive! Eine abendfüllende Arbeit bei einem geduldigen Lehrer. Seine Arbeit wurde nicht fotografiert, anders als im Zeitalter der digitalen Fotografie, wo alles bildlich festgehalten wird. Sie ist dennoch in bester Erinnerung, ebenso wie das Zaudern, das man hat, bevor man - für ein gutes Bild - über einen Zaun klettert. Dieses Zaudern ist wertvoll. Es verschafft die Denksekunde zur Frage: Was genau wolltest Du?
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Beschreibung
Sie suchen den Fussballplatz? Dann müssen Sie zuerst rechts auf die Hauptstrasse, nach 50 m erreichen Sie die Industriegleise und folgen diesem 300 m bis zu einer Kreuzung mit vier Armen und eingezeichnetem Rechtsvortritt. Dort biegen Sie wieder rechts ab, fahren nach 400 m gerade aus über einen markanten Kreisel, der Waldegg angeschrieben ist. Nach weiteren 400 m treffen Sie spitzwinklig auf eine Strasse, halten sich links und biegen unmittelbar vor dem Dorf Henau rechts ab. Und Sie haben die Sportanlage Rüti vor sich.

Man hört genau zu. Prägt sich jedes Detail ein, versucht sichs bildlich vorzustellen. Auf die Schlussfrage: «Alles klar?» nickt man selbstbewusst. Und fährt los, findet das Geleise auf Anhieb, folgt diesem ermutigt. Nur: Von einer Unterführung war doch keine Rede und vom Bahnhof auch nicht. Das leise Gefühl, sich verfahren zu haben, steigt auf. Sie wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Bis jetzt habe ich nicht herausgefunden, was mich und andere Menschen davon abhält, eine Karte zu zeichnen. Vielleicht wurde deshalb der Spruch «Der Weg ist das Ziel» erfunden. Dabei wäre doch das Ziel das Ziel.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Kritik
Man geht weg, mit ein paar Kollegen, Bekannten, Freunden, seis aus dem Sportverein, von der Arbeit, aus demselben Ort, demselben Kanton. Und trifft sich mit einer anderen Gruppe, tauscht sich aus. Interessant: Oft sind jene, die «zu Hause» am kritischsten sind, die kaum wieder zu erkennenden Botschafter. Da wird erzählt, wie gut dieses funktioniere, was man alles schon gesmacht und erreicht habe. Standort-Marketing, wie es sich jeder Gemeindepräsident wünscht. Diese Erfahrung macht es leichter, das «zu Hause» zu ertragen: Kritik ist die andere Liebeserklärung - kritisieren Sie!
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Verzicht
Welche Themen ansprechen, welche unter den Tisch kehren? Allein schon, dass man über etwas spricht, gibt Bedeutung und Raum. Es beansprucht Zeit und mentale Energie. Und ich erlaube mir, den Fokus auf den Nachahmer-Effekt zu richten.
Kürzlich habe ich mich über einen Medienbericht geärgert. Ein Konflikt wurde bis ins Detail beleuchtet. Und was löst das aus? Man bezieht intuitiv Stellung und kommt zum Schluss: «Wenn andere Menschen ihre Rechte einfordern, kann ich nicht zurückstehen, muss mich wehren!»
Es ist die Angst, zu wenig gekämpft zu haben. Vorzugsweise nicht für sich, sondern für andere. Nachahmen ist auch lokal ein Thema, nicht nur dort, wo es internationale Aufmerksamkeit gibt. Es ist gar nicht so einfach, ohne Beispiel zu schreiben, ohne Nachahmer zu produzieren. Der bewusste Verzicht gibt eben selten eine aufregende Geschichte.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Krux
Erfahrung ist viel Wert. Und manchmal steht sie einem auch im Weg. Etwa, wenn man als Präsident der Heimkommission bei der Erweiterung des Seniorenzentrums Sonnmatt mitwirkt. Sind da die Erfahrungen, die Lebensgeschichte des verstorbenen Vaters oder Besuche bei der Grosstante relevant? Ja. Man kann die persönlichen Eindrücke, die Menschen, die Farben, die Töne, die Gerüche nicht ablegen, man trägt sie mit sich. Nur sind sie deswegen noch nicht allgemein gültig und nicht sicher brauchbar. Nicht jeder Fall kommt immer wieder vor und muss gelöst sein.
Es ist gar nicht so einfach, die eigenen Erfahrungen auszublenden, zu abstrahieren. Das zeigt auch das aktuelle Beispiel einer St. Galler Nationalrätin. Sie sieht Handlungsbedarf bei Entscheiden der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. Dabei stützt sie sich offenbar auf ihr Familienmodell und ihre Erfahrungen mit vier Generationen unter einem Dach. Das ist ihr Massstab. Ich habe nichts gegen dieses Bild. Fremde Beispiele lassen einfacher erkennen: Die eigenen Erfahrungen sind zwar «bemerkenswerte Geschichten». Sie auf ein System, ein Bauwerk zu übertragen, das der Lebensraum für Pflegebedürftige und Arbeitsraum für die Mitarbeitenden sein soll, ist eine andere Geschichte, eine anspruchsvolle. Und die will sorgfältig gelöst sein.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Enttäuschung
Sucht man in einer Zitate-Sammlung nach dem Begriff «Demokratie», gibt das hunderte, ja tausende Treffer. Die meisten dieser Zitate haben etwas Zynisches. Sie sind gespickt mit verdeckten Vorwürfen an die Welt. Und am Schluss fehlt die bessere Idee.

So auch beim Blick über die Grenzen. Die Briten haben dem Brexit zugestimmt. Sie wundern sich hinterher über das Ergebnis und finden mehrere Röstigräben. In Österreich kassiert der Oberste Gerichtshof die Wahl des Bundespräsidenten aus formellen Gründen. Das wirft neue Fragen auf. Etwa: wiederholt man Abstimmungen bis das Ergebnis passt? Gibt es überspitzten Formalismus im Wahlgeschäft? Deutschland reitet auf der Welle, dass nur Experten wüssten, was richtig und gut sei. Und wir üben an der Umsetzung von Initiativen und grossen Reformen. Immerhin haben wir Übung! Das unterscheidet uns, aber nur, wenn wir üben.

Ich finde die Demokratie die beste Staatsform, weil sie so viele Ent-Täuschungen produziert. Was kann einem Besseres passieren, als von einer Täuschung befreit zu werden?
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Echte Freude
Echte Freude, wissen wir noch was das ist? Wo können wir es erleben? Vielleicht kollektiv, gerade jetzt wo die Fussball-Nationalmannschaft erfolgreich spielt, oder letzten Winter, als Lara Gut schneller fuhr als alle Österreicherinnen. Ist es das? Ist es vielleicht das gerade erworbene neue Auto, das Kleid oder das Handy? Vieles könnte noch aufgezählt werden, dass uns Freude bereiten kann. Aber erleben wir so wirkliche Freude?
Einfach grossartige Menschen haben mir gezeigt, was echte Freude ist. Vor gut drei Wochen, beim Waldrundgang am Vogelsberg zusammen mit Menschen mit einem Handicap, begleitet vom Entlastungsdienst Wil / Gossau / Untertoggenburg und vom Rotaryclub Wil. Einfach herrlich das Leuchten in den Augen und das Jauchzen, als Thomas ihnen die Waldtiere zum Streicheln zeigte. Der Hammer aber die Freude beim Pflanzen kleiner Bäume, mit dem Rollstuhl, im Wald. Es geht, von kräftigen Männern mitsamt dem Rollstuhl in den Wald getragen und dort zusammen die kleinen Fichten gepflanzt. Mir hat man immer gesagt, mit dem Rollstuhl kann man nicht in den Wald, sagte Bilal. Jetzt weiss ich, alles ist möglich. Das Leuchten der Augen von Bilal, für mich einfach echte Freude.
Bruno Cozzio
Gemeinderat

Nachtlichter
Aus dem Weltraum gesehen gibt unsere Erde ein wunderschönes, unglaublich faszinierendes Bild ab. Taghell erleuchtete Städte, Strassen und Küsten.
Vögel verlieren auf ihren Zugbahnen die Orientierung, hell erleuchtete Gebäude werden für sie zu Todesfallen. Bäume verlieren im Herbst ihre Blätter später, dafür kann ihnen der Frost zusetzten. Milliarden von Insekten verlieren beim Tanz im Licht jede Nacht ihr Leben. Die Menschen verlieren ihre Angst vor der Dunkelheit, denn das Licht suggeriert das Gefühl von Sicherheit.
Lichtquellen in der Nacht, der grosse Fortschritt des 20. Jahrhunderts. Elektrische Energie im Überfluss, ein Zeichen unseres Wohlstands.
Die Städte und Küstengebiete mit ihrem überquellenden Leben und Licht stellen die Milchstrasse in den Schatten. Sterne zur Orientierung brauchen wir nicht mehr, wir haben jetzt unser Navi. In welch genialer Zeit wir doch leben.
Dora Hadorn
Gemeinderätin

Vakuum
Skitour. Auf dem Galmi-Gletscher zur Oberaarjochhütte hat man Zeit. Zeit für das Nichts. Zurück in der Zivilisation interessierte mich dieses Nichts, das Vakuum. Die altbekannte Kinder-Sachbuch-Reihe «Was ist Was» gibt Auskunft: Der Magdeburger Otto von Guericke habe 1649 zwei eiserne Halbkugeln zusammengefügt, diese abgedichtet und dann mit einer Pumpe die Luft herausgesogen. Acht Pferde habe er an jede Seite gespannt und versucht, die Halbkugeln zu trennen. Die Tiere schafften das nicht. Der luftleere Raum war stärker.
Spannende Geschichte. Und nicht ganz korrekt. Weil das weder technisch noch philosophisch ein Vakuum war, was der Herr von Guericke da produzierte. Aber Anlass genug, weiter nachzuforschen. So stösst man auf die alten Griechen Demokrit und Aristoteles, den italienischen Physiker Torricelli und seinen französischen Kollegen Blaise Pascal. Und so weiter und so fort – man könnte sich endlos im Nichts vertiefen. Was es braucht, ist ein Anstoss dazu. Bambolo, das Sommer-Programm für Kinder im Rüteliwald, fand zwei Jahre nicht statt. Aber dieses Jahr können die Kinder wieder spielen und experimentieren, auch mit dem Vakuum, der Kraft des Nichts.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Aufgepasst
Wie fängt man ... – einen Affen? Zum Beispiel mit einer Kokosnuss, die eine kleine Öffnung hat und angekettet ist. Man legt Fressbares hinein. Der Affe greift neugierig durchs Loch, packt die Leckerei. Nun kann er die Faust aber nicht mehr zurückziehen. Er müsste loslassen. Tut er aber nicht.

Blöder Affe? Das ist aus der Distanz leicht gesagt. Er müsste jemanden haben, der ihm sagt: Loslassen! Oder umgekehrt: wer fangen will, muss gut beobachten.
In 70 Minuten habe ich die nächste Sitzung. Aufgepasst!

Lucas Keel
Gemeindepräsident

Zweifel
Humor ist Arbeit und Zufall. Selten fällt Humor dem Verkünder der neuen Botschaft einfach so zu. Kabarettisten und Liedermacher feilen und schleifen an jedem Satz. Karikaturisten entwerfen x-fach. Slam Poetristen trainieren, spontan sein. Auf dass es locker-flockig aussehe. Dabei weiss jeder, der nur schon eine nicht peinliche Geburtagsproduktion machen wollte, wie schwierig es ist, den Menschen einmal anders zu sehen. Man muss bewusst hinschauen, hinhören und neu kombinieren. So, dass andere die neue Botschaft verstehen können. Gar nicht so einfach, die Sinne dafür zu schärfen. Gar nicht so einfach, seiner eigenen Naivität zum Opfer zu fallen und darob gemeinsam lachen.
Humor ist für ein Gemeinwesen wichtig. Es ist eine Form von konstruktiv zweifeln. Und das sollten wir, immer. Nutzen Sie die Gelegenheit: es ist 1. April ....
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Tradition
Menschen stehen in Reih und Glied, mit Helm und Spaten. Fürs Foto versuchen Einzelne, die Schaufel ins Erdreich zu rammen. Andere geben sich angesichts der offensichtlichen Nutzlosigkeit keine Mühe. Sie brauchen die goldene Schaufel mehr als Stock. Jeder erkennt auf den ersten Blick: Spatenstich.

Für die Einen ist das ein symbolischer Akt. Pläne werden Realität, endlich. Für Andere bedeutet das Lärm, Dreck, verstellte Strassen, versperrte Aussicht und neue Nachbarn. Und Dritte fühlen sich eingeladen, das wachsende Bauwerk ungefragt zu inspizieren – die Macht des Verbotenen..

Der Spatenstich ist wie Kerzen auf dem Geburtstagskuchen ausblasen, Tauben fliegen lassen, Band durchschneiden, Aufricht-Bäumchen setzen, Geissbock über die Brücke jagen. Das ewig gleiche Sujet. Dafür weiss man auf den ersten Blick worums geht – die Macht der simplen Botschaft. Ein Indiz dafür ist, dass man nach der x-ten Ausführung an der Sinnhaftigkeit zu zweifeln beginnt, aber keine bessere Idee hat und es doch irgendwie «schön» findet. Ob so Traditionen entstehen?
Lucas Keel
Gemeindepräsident
PS: Nach Edward Shils und Karl E. Weick gilt als Tradition, was innerhalb von drei Generationen zwei Mal weitergegeben wurde.

Klatsch
David Bosshart leitet das Gottlieb Duttweiler Institut und erforscht die Zukunft: Alles werde immer individueller, müsse massgenau auf den Kunden abgestimmt werden – sonst sei dieser weg. Ein neues Beziehungsmanagement sei erforderlich. Es gebe einen Zwang zur Kommunikation. Der Wandel erfasse zuerst den Benutzer und wirke dann auf Administration, Medien, Handel, Bau und Industrie. Anschliessend kämen die komplexen Dienstleister dran wie Finanzen, Bildung und Gesundheit und zuletzt die politischen Institution. Als gutes Beispiel für eine moderne Kundenbeziehung nennt der Forscher die Tupperware-Party. Ein Produkt bekommt seinen Wert, wenn man darüber spricht und physisch im Kontakt ist. Klatsch und Tratsch sei wichtig für das Business. Aha. Das trag ich mit Fassung, dass die politischen Institutionen die Letzten sind. Klatsch und Tratsch können sie auch so.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Nicht singen
Mit Pauken und Trompeten den Winter vertreiben. Dieses Jahr scheint das fasnächtliche Bemühen nicht nötig, der Winter fehlt. «Nicht notwendig», das ist ein Prädikat von Lärm. Deshalb stört er.
Lärm sei das «Geräusch der anderen», meint Schriftsteller Kurt Tucholsky. Darüber hinaus hat Lärm etwas Militantes. Das Wort stammt von «Alarm» ab, italienisch für all’arme. Und das heisst: zu den Waffen!

Müssen wir zu den Waffen greifen oder genügen Pauken und Trompeten? Lärm ist so aktuell wie selten. Das Bundesamt für Verkehr legt grad die (minimalsten) Lärmschutzmassnahmen an der Autobahn auf. Auch Fluglärm ist ein grosses Politikum. In beiden Fällen wird dem Lärm mit mathematischen Modellen auf den Leib gerückt. Ob Fliegen, Autofahren, Schiessen, Musizieren, Schreien, jeder Lärm hat seine eigene Charakteristik. Diese will berechnet sein. Mit dem Ergebnis, dass die meisten Menschen, die sich gestört fühlen, enttäuscht sind. Weil die Modelle, obwohl erstaunlich präzis, nur rechnen und nicht fühlen. Und so gibt es Immissionsgrenzwerte und Alarmwerte, aber keine Toleranzwerte. Lärm ist damit eine höchstpersönliche Sache und doch von öffentlichem Interesse. Gut, dass wenigstens Wahlplakate nicht singen können.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Exempel
Verschlüsseln ist das moderne Zauberwort. Immer kryptischer, immer geheimnisvoller werden die Mechanismen dazu. Nur, weshalb Botschaften verschlüsseln, wenn sie keiner mehr versteht? Wer liest schon gerne
Finanzberichte, wissenschaftliche oder juristische Texte? Schon Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) meinte: Die Grenze meiner Sprache bedeutet die Grenze meiner Welt. Wir können also nicht sagen, was wir nicht auch denken können. Probe aufs Exempel: Was denken Sie vom Steuerabschluss??
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Redezeit
Wo ist eigentlich das Grund-Vertrauen geblieben, dass ein anderer seine Aufgabe zweckmässig ausführt? Offenbar ziehen wir als Gesellschaft ausgeklügelte Kontroll-Mechanismen dem Vertrauen vor?
Ein Beispiel: Mitarbeitende im Gesundheitswesen müssen ihre Pflege-Einsätze detailliert dokumentieren. Von Gesetzes wegen jede Minute aufschreiben, jede Spritze, jeden Handschuh, jedes Wattestäbchen. Dazu brauchts Administration. Software muss entwickelt, Hardware beschafft, Mitarbeitende geschult werden, wiederkehrend. Zu Kontrollzwecken..
Prozessoptimierung ist nötig, kritisches Hinterfragen auch. Die Zahlen müssen stimmen. Aber daran, dass man mit immer mehr Daten und Zahlen den letzten Rest von Vertrauen aus der Gesellschaft fegt, daran will ich mich nicht gewöhnen. Ein paar Minuten mehr in Redezeit investieren statt in Datenerfassung wäre mir lieber.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Vorsatz
Neues Jahr, neue Vorsätze? Arthur Rubinstein (1887 bis 1982) war ein weltbekannter Pianist, interpretierte Chopin meisterlich. Er gab mit 85 Jahren noch herausragende Konzerte. Das schaffte er mit drei Massnahmen:
1. in einem Konzert weniger Stücke spielen, die Kunst pflege sich zu beschränken;
2. diese wenigen Stücke intensiver üben;
3. langsame Stück langsamer spielen, dann wirken schnelle schneller.
Man muss keine klassische Musik mögen. Im Gemeinde-Alltag sind wir weder virtuos noch spielen wir Chopin. Rubinsteins Methode hat dennoch etwas Bestechendes. Unabhängig von Alter und Umständen kann man sich entwickeln wollen. Einfache Methoden sind oft besonders schwierig. Weil sie gegen die Gewohnheit sind: Weniger, dafür intensiver. Und langsamer macht schneller.Übrigens: Hans Bischofberger, Sekundarlehrer im Ruhestand, spielte bei der Einweihung der renovierten Kapelle im Marienfried mit 98 Jahren (!) noch auswendig Orgel. Vorsätze könnten sich doch lohnen.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Kristallkugel
Gemeindesaal, Personalabend des Seniorenzentrums Uzwil. Eine lange Schlange hat sich vor einem Zelt mit speziell drapierten Tüchern gebildet. Die Kristallkugel auf dem Tisch, die Tarot-Karten und andere Utensilien verraten: Hier arbeitet eine Wahrsagerin, liest aus Händen und beantwortet mit verklärter Stimme alle intimen Fragen über den Schwiegersohn und die Hauskatze. Eine Dame in der Reihe flüstert mir zu, dass sie sich nach Uzwils Zukunft erkundigen wolle. Und das Ergebnis?
Ob Sie die Wahrheit in der Kristallkugel oder der Andacht suchen: ich wünsche Frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr..
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Distanz
Samstagabend, Ziel Tenna, Vereinsversammlung. Nach Bona-duz beginnt die Bergstrecke, ich kurve vorsichtig den Felsen entlang, tief unten der Rhein. Ein Subaru mit GR-Kennzeichen klebt mir am Heck. Ich bin ein Verkehrshindernis und fahre beschaulich weiter.
In den 50er-Jahren, als Uzwil die Pension Alpenblick kaufte, wurde die Fahrt nach Tenna in farbigster Prosa beschrieben: täglich zwei Postauto-Verbindungen, für Schüler ein unvergessliches Erlebnis. Man könne die grossen Schwierigkeiten des Strassenbaus im Berggebiet mit Verbauungen und Felsdurchbrüchen erleben..
Heute sind es sieben Postauto-Verbindungen, gibt es eine neue Brücke, beleuchtete Tunnels. Die Fahrt nach Tenna bleibt ein Erlebnis. Trotz Subaru im Nacken. Distanz wurde für die Führung des Alpenblicks zum Problem. Ich blinke, lasse dem Einheimischen den Vortritt. So wie später: Der Verein Tenna plus übernimmt den Alpenblick. Wer sich auskennt, kommt besser voran. Distanz haben können, ist wieder gefragt. Tenna ist eben eine Reise wert!
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Masse
Auf die Wettbewerbs-Ausschreibung haben sich 89 Architekturbüros gemeldet. Die Erweiterung des regionalen Seniorenzentrums Sonnmatt scheint eine attraktive Aufgabe zu sein. Und eine Quadratur des Kreises: 80 Pflegeplätze bauen, wohnlich, zukunftsgerichtet, gut ins Gelände eingebettet, mit der ganze Infrastruktur dazu, und dann auch noch zweckmässig und wirtschaftlich. Das gibt ein Generationenwerk der Gemeinden an der Uze.
Für ein einziges Wettbewerbs-projekt arbeitet ein Büro bis zu 700 Arbeitsstunden. Alle Planer zusammen investieren ergo über 60‘000 Stunden!
Gute Ideen brauchen nicht nur eine gewisse Masse, sondern auch ein dreifaches Ja, die Zustimmung in Oberbüren, Oberuzwil und Uzwil.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Chaos
Muss man über jedes Planspiel, jedes Szenario reden? Es gehört zum politischen Alltag, dass Papier in der Schublade bleibt, Vorbereitungen für die Katz sind. Zum Glück. So sollte in der Schweiz längst die Erde tüchtig beben, statistisch gesehen. Die Pandemie-Pläne sind vergessen. Das neue Massnahmenkonzept Naturgefahren interessiert kaum.
Die aktuelle politische Lage bietet derzeit andere Szenarien. Auf diese ist man trotz Vorbereitung unvorbereitet. Was kann also eine Vorbereitung leisten? Prävention? Ehrlicherweise kann man oft nur die Chaos-Phase abkürzen. Auch das ist eine grosse Leistung, die man nicht würdigen kann, weil man nicht weiss, wie es sonst gekommen wäre.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Professionell
«Das ist nicht professionell!», ein oft gehörter Vorwurf. In pauschaler Form ärgert er mich. Was bedeutet das genau, professionell? In der Regel bedeutet es «mehr Zeit investieren». Wer professionell agieren will, muss besser ausgebildet sein, das Business kennen. Man braucht andere Hilfsmittel. Bis man das alles hat, braucht man Zeit. Professionell heisst bessere Ergebnisse in kürzerer Zeit, mehr Fremdwörter, weniger Fehlertoleranz.
Wie viel Professionalität braucht es? Die richtige Balance ist anspruchsvoll, vor allem wenn sich Einwohnerinnen und Einwohner fürs Gemeinwesen engagieren sollen. Nicht jeder, der sich fürs Gemeinwesen engagiert, ist ein Amateur. Oft fehlt für mehr Professionalität nur die Zeit und weniger tuts auch. Nicht jeder Ruf nach Professionalität muss erhört werden. Sich selbst beschränken – das wäre professionell. Das versuch ich jetzt. Das Uzwiler Blatt muss in den Druck.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Standard
«Was man den Menschen als <Standard> anbietet, das wählen sie.» Das ist die verkürzte Feststellung des Schweizerischen Instituts für empirische Wirtschaftsforschung. Die gross angelegte Untersuchung stammt aus dem Versicherungsumfeld. Man bildete drei vergleichbar zusammengesetzte Gruppen.
Jeder Gruppe bot man drei Pensionskassen-Lösungen an. Für jede Gruppe wurde eine andere Lösung als «Standard» bezeichnet. Mit besagtem Ergebnis: Die grosse Mehrheit der Menschen will zum Standard gehören, egal wie die Lösung ist. Das können Scharlatane ausnutzen, indem sie zu einer Auswahl klein gedruckt schreiben, dass x oder y der Standard, der Normalfall sei. Mich allerdings wunderte dieses Ergebnis. Ich kann mich nicht erinnern, einem Standard-Menschen begegnet zu sein..
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Quelle
Diese Herbsttage bieten die ganze Palette von wunderbar farbig zu neblig-feucht, teils auch regen-
nass. Der lange Sommer hatte südländischen Charme. Der Frühling schlug die Erwartungen. Alles bestens? Der Eindruck täuscht. So richtig anhaltend hat es schon Monate nicht mehr geregnet. Letztmals kam es zu den grossen Überschwemmungen. Das war vor einem halben Jahr. Seither haben Niederschläge unsere Wasservorräte kaum mehr aufgefüllt. Wir leben von der Reserve. Landwirte in der Region müssen teils seit Wochen Wasser zuführen. Die Technischen Betriebe sagen mir: Uzwil ist noch im grünen Bereich. Sollte es aber auch noch einen «schönen» Winter geben und die Böden früh gefrieren, könnte es im nächsten Frühjahr ungewohnt kritisch werden.
Für den Wasserstand zum Beispiel haben wir kein Gefühl. Und gehen davon aus, dass es dann schon jemand richtet. Ob Überschwemmung oder anhaltende Trockenheit, beiden Extremen kann man durch Vorsorge nur eine gewisse Zeit begegnen. Da lohnt es sich, nach der Quelle zu fragen.
Eine Quelle zeigt Ihnen die Mannschaft der Technischen Betriebe am Samstag ab 10 Uhr am Vogelsberg.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Kalter Kaffee
Kaffee aus gefriergetrocknetem Pulver. Kaffee aus der italienischen Aluminium-Kanne, direkt von der Herdplatte, saumässig heiss. Filterkaffee, nicht zu bitter und ohne Satz. Vielleicht aus der Kolbenmaschine. Auf die Frage «Kaffee?» genügte früher ein «Ja» oder «Nein».
Seit dem Kapsel-Fieber ist es wie bei der Krankenkasse. Man muss Fragen beantworten, die man gar nicht gestellt haben will: «Wollen Sie violett, gold, schwarz, ocker, grün, mit Mokka- oder Schokoladegeschmack, mit Spitalzusatz, Homöopathie, Fitness-Abo, Halbprivat, Auslandrettung?»

Eigentlich müsste man für jede Frage, die man NICHT gestellt haben will, einen Rabatt, eine günstigere Prämie bekommen.
Fragen beschränken. Das wäre eine Sparmassnahme für unsere Kantonsräte. Sie stellen der Regierung gelegentlich Fragen aus der Rubrik «Kalter Kaffee»!*
Lucas Keel
Gemeindepräsident
*Beispiel: Strassenverkehrssteuer für Raupenfahrzeuge im Pistendienst, Interpellation 51.15.34

Feldherren
Was heute fährt, wurde vor Jahren und Jahrzehnten geplant. Der öffentliche Verkehr hat einen langen Planungsvorlauf. Die Auswirkungen sind hingegen heute und jetzt. In diesem Spannungsfeld steht auch die kommunale Politik: Die politische Haupt-Energie für den öV dort einsetzen, wos um die Wurst geht - bei der langfristigen Planung. Und im kurzfristigen Verteilkampf mit dem Kanton und den Nachbargemeinden um Anschluss-Minuten feilschen.
Mit Ausnahme der Stadt St. Gallen ist jede St. Galler Gemeinde bei den SBB eine kleine Nummer, auch wenn sich alle anders darstellen. Dennoch kann man nicht zufrieden sein, wenn Pendler Anschlüsse verpassen, zu lange warten müssen, keinen Sitzplatz finden. Deshalb reklamiert die Gemeinde, selbst wenn das Gesamtangebot hervorragend ist und entsprechend kostet. Am Schluss bleibt es beim Prinzip der grossen Feldherren: Planen, kämpfen, siegen.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Feedback
25 Exemplare liegen schön geordnet auf dem Boden. Es sind die letzten fünf Mitteilungsblätter von fünf Gemeinden der Region. Sie liegen zu Vergleichszwecken da. Und zur Inspiration, zur Reflektion. Bei Gemeinde X besticht das grafische Konzept, bei Gemeinde Y prägt das Titelbild. Da gibt es alle 14 Tage acht Seiten, hier jede Woche vier. Inhaltliche Selbstkritik tut Not. Vor allem: Ist das klug, dass wir, die Gemeinden, immer lokaler werden? Wie wirkt das auf die Haltung?

In der Kürze soll die Würze liegen. Kurz allein ist keine Qualität, manchmal genügt das nicht, um einer Sache gerecht zu werden. Fachchinesisch und Beamtensprache brauchen Übersetzung. Themen müssen auch regional beleuchtet werden. Wie gut schafft das das Uzwiler Blatt? Auch im Vergleich zu anderen? Wie man sich bildet, so denkt man. Sagen Sie uns auf der letzten Seite, was Sie denken. Dankee
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Touch
Grümpelturniere sind der Horror jeden Personalchefs. Kommen Untraining und Unvermögen zusammen, ist der Unfall nicht weit. Wer auf der Gemeindeverwaltung Uzwil das Formular Bagatell-Unfall braucht, hat sich etwas eingebrockt. Die seufzende Frage des Personaldiensts ist eine besondere Form der Prävention und schwebt wirksamer als jede Suva-Kampagne segensgleich über den Sportlern: «Wa häsch wieder gmacht!?» Schwere Gewissensprüfung mit fürsorglichem Touch.
Die Uzwiler Verwaltung hat das Grümpelturnier der St. Galler Gemeinden gewonnen, hat diesmal unfallfrei gespielt. Der Personaldienst zeigte sich flexibel. Monika Lehner passte die Frage flugs an: «Wie händ ihr da gmacht?» Ungläubige Frage mit freudigem Touch..
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Zu spät
Zuerst tröpfelts kurz, dann füllt ein schöner Strahl den Sack. Als Werbung oder Aufruf ist dieser Text hier zu spät. Blutspenden war in Uzwil am Mittwoch. Sich fragen, woher im Notfall der Lebenssaft kommen soll, dafür ist es hingegen nie zu spät.
Blutspenden, die moderne Form eines Aderlasses nach Hildegard von Bingen? Eine spezielle Vorstellung. Diese wird durchkreuzt von einem umfangreichen Fragebogen und Tests im Labor. Schliesslich sollen nicht böse Säfte raus, wie das die Ordensfrau vor 1‘000 Jahren beschrieb, sondern Leben rein, für Mitmenschen. Höchste Qualität ist gefragt.
Für viele Dinge ist es im Leben irgendwann zu spät. Nicht zum Blut spenden. Das ist jedenfalls besser als geschröpft werden.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Sieger
Wer ist der bessere Weltmeister? Warum erhält dieser Schweizermeister öffentliche Aufmerksamkeit und jene Europameisterin nicht? Da müsste es doch klare Regeln geben. Es gibt sie aber nicht. Ein ewiges Dilemma, aus dem ich letzten Freitag vielleicht einen Ausweg fand. Es gibt keine besseren Sieger. Sie feiern ist Privatsache. Weil es auch da Unterschiede geben muss..
Patrick Enz, Chef von Remund Gartenbau AG, lieferte die Anleitung dazu. Er zeigte mir an der Algetshauser Chilbi Fotos auf seinem Handy. Bilder von einer Trockenstein-Mauer, die «sein» Landschaftsgärtner Isai Tschamun zusammen mit seinem Kollegen an der Berufsweltmeisterschaft in Sao Paulo gebaut hatte. Von der Mauer verstand ich nichts, nur von der Begeisterung des Chefs. Er war überzeugt, die Beiden würden den Makel der fehlenden Abdeckplatte mit der zweiten Aufgabe noch wettmachen. Der Car war bestellt, das Fest organisiert, bevor das Ergebnis bekannt war: Herzliche Gratulation den Vize-Berufsweltmeistern!
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Brücke
Erinnern Sie sich an Ihren ersten Arbeitstag? Dieses mulmige Gefühl, gemischt mit Vorfreude und viel Ungewissheit: Kann ich das, wen treff ich da? Tausend Fragen brennen heimlich auf der Zunge. Man steht ein bisschen verloren da, weiss nicht wohin mit den Händen. Und ist froh, um Menschen, die einem eine Brücke bauen.

Seine Rolle, seinen Platz finden – das kann man im Leben nicht genug üben. Weil man das immer wieder braucht, nicht nur im Beruf. Auch beim Eintritt in einen Verein, beim Umzug in ein neues Quartier. Selbst wenn man in den Ferien am Strand mit Fremden tschutten will. Auch beim Eintritt ins Seniorenzentrum kommt man nicht drum herum. Menschen, die diese Wechsel geübt haben, fällt vieles leichter.

Ein Dankeschön den Lehrmeistern, die in diesen Tagen den neuen Lernenden eine Brücke bauen. Das ist ein unschätzbarer Dienst an der Gesellschaft.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Noten
Ebbe. Kein Blau, kein Grün, auch kein Rot und Gelb. Das Notenfach im Portemonnaie ist leer. Also nichts wie zum Bancomat, Karte und Code rein, Karte raus und weg. Zack, über alle Treppenstufen zurück ins Auto. Als ich losfahren will, springt mir so ein «Latschi» fast auf die Motorhaube. Das hätte mir grad noch gefehlt. Mein Fluch bleibt im Hals stecken. Er wedelt freundlich: «Haben Sie die Noten im Bancomat vergessen?» Danke – macht Freude wie Ferien!
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Spiegelei
Es ist gefürchtet, das Sommerloch. Die gähnende Leere macht doppelt zu schaffen. Da ist die Themennot, die Zeitungen badi-tauglich abspecken lässt. Und da ist die Angst des Übermittlers von schlechten Nachrichten vor zu viel Aufmerksamkeit: Ob eine Nachricht aufgegriffen wird, hängt von der Konkurrenz zu anderen noch dramatischeren Ereignissen ab. Im Sommerloch ist diese Konkurrenz kleiner: Kann man bei Temperaturen über 33 Grad ein Spiegelei auf einem Schachtdeckel braten? Darf man den Genitiv bewusst durch den Dativ ersetzen?

Die Gemeinde hat das Privileg, im Sommerloch zu schweigen, wenn es nichts zu sagen gibt. Nächste Woche ist noch Zeit für eine Betrachtung über die Gemeindegrenze, dann ist zwei Wochen Pause.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
PS: Unsere Trinkwasservorräte reichen - bitte trotzdem sorgsam damit umgehen!

Sssssss
2 Uhr nachts. Ein Mücke surrt in meinem Ohr und weckt meinen Jagdinstinkt. Ich kann sie einfach nicht ignorieren – bis wir beide in Frieden ruhen.

Bei Tag wäre ihr lästiges Sssssss unbemerkt geblieben. Die Mücke hätte gefahrlos zustechen können. Aber nachts um 2 Uhr gab es nichts, das sie übertönt hätte. Kein Geräusch, mit dem ich mich hätte ablenken können.

137 Gemeinden im Norden, Süden und Osten des Flughafens schlagen eine Konsens-Lösung für die Verteilung des Fluglärms vor. Der Süden nimmt den Morgen, der Norden den Tag, der Osten käme von 22 Uhr bis 23.30 Uhr zum Handkuss. Eine faire Lösung finde ich. Und Mücken, denen das Leben lieb ist, sollten den Flugbetrieb im Schlafzimmer dann auch einstellen.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Deklaration
Auf jeder Lebensmittel-Packung steht, was drin ist: Fett, Kohlenhydrate, Eiweiss, Säuren und E-Nummern. Ein Joghurt decke 10 Prozent des täglichen Kalorien-bedarfs. Da wäre es am einfach-sten, zehn dieser Joghurts zu essen. Dann wüsste man, dass der Bedarf gedeckt ist. Jede andere Rechnung ist schwieriger, nur schon für einen Tag. Wer zählt schon alles zusammen, berechnet seinen Genuss?

Dass kaum jemand die Lebensmittel-Deklaration versteht, ist unbestritten. Ist sie deswegen zwecklos? Sie schafft Verbindlichkeit, sensibilisiert und ja, sie ist ein täglicher Appell. Man weiss ja, dass es rechnet, auch wenn man nicht rechnet. Stimmt die Bilanz nicht, wird Schuhe binden schwieriger.

Uzwil hat Bilanz gezogen, den Kalorienverbrauch zusammengezählt, das Energiestadt-Label nochmals geschafft. Wir wollen uns auch künftig bücken und strecken können.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Fronten
12 km sinds nach Wil, 13 km nach Kradolf. Uzwil war zwischen zwei Fronten, zwei Gewitterzellen. Wir hatten Glück, schickten Feuerwehr und Zivilschutz nach Wil zu Hilfe. Original-Ton unserer Kräfte vor Ort: «Die Bilder waren grauenhaft. Autos verschoben sich in Bächen, Vorplätze sackten ab, Keller 1,5 m unter Wasser. Schichtwechsel um Mitternacht, Einsatz bis 06:30 Uhr. Jetzt Material sofort wieder einsatzbereit machen.» Die Führungskräfte sind stolz auf ihre Mannschaft.
Szenenwechsel. Zufällig konnte ich letzte Woche das Entlastungsbauwerk der Uze besichtigen. Wir marschierten im übermannshohen Kanal, in der Mitte ein kleines Rinnsal. Der über 1,3 km lange Kanal ist für ein 100-jähriges Hochwasser ausgelegt, soll Gefahr und Energie ableiten. Der Kanal blieb diesmal unbenutzt. Bei aller Vorsorge, Hochwasserschutz ist anspruchsvoll. Vorsorgen oder heilen? In beiden Fällen gibt es Betroffene, oft sind es nicht dieselben. Wer will schon einen Damm auf seinem Grundstück oder Kreisel mit unerklärlichem Gefälle? Mit vollem Keller und weggespültem Auto denkt sichs anders. Ein Risiko bleibt. Dagegen hilft nur Hilfe. Ein Dank unseren Einsatzkräften.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Im Schwick
Legt man einen Weg regelmässig und oft zurück, wird er gefühlt immer kürzer. Besonders zu Fuss oder mit dem Velo. Kein Tacho zeigt permanent Geschwindigkeit und Strecke. Kein Fahrplan bestimmt Abfahrt und Ankunft. Beschleunigen und trödeln sind reine Gefühlssache. Man spürt die benötigte Zeit, man weiss, ob man mit einem Spurt aufholen kann oder ob ein Schwatz drin liegt. Die kleine Steigung wird mit jeder Wiederholung flacher, man nimmt sie im Schwick.
Muss wieder mehr zu Fuss gehen, mehr von dieser wundersamen Verkürzung haben. Ist gut gegen alleArt von Stau, auch Schreibstau.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Ausländer
Wie wird ein Ausländer zum Inländer? Als der Kanton St.Gallen vor 212 Jahren gegründet wurde, dauerte die Reise von Uzwil nach Mels SG etwa gleich lang wie heute mit dem Auto nach Zagreb, Pisa oder Bremen. Unser Ratsschreiber Marcel De Tomasi ist von Mels. Historisch betrachtet ist er «unser Ausländer» und als Chef der Kanzlei zuständig für die Einbürgerungsverfahren. Der Gemeinderat prüft dann die Gesuche: Beziehungen zu Schweizern muss man pflegen, Deutsch auf dem Niveau von B1 beherrschen. An Gesetz und Ordnung muss man sich halten, die Steuern zahlen und die Integration seiner Familie fördern. Die Hürden des St.Galler Bürgerrechtsgesetzes nehmen längst nicht alle Bewerber.

Meine Feststellung aus den Einbürgerungsgesprächen: Ein hoher Anspruch ist wichtig und im Sinn der Kandidaten. Der Pass wäre sonst nichts Wert. Ob wir unsere eigenen Anforderungen auch immer erfüllen? Es gibt viele Menschen, die eingebürgert wurden und stolzere Schweizer sind als wir selbst. Vielleicht, weil das Bürgerrecht nicht einfach in die Wiege gelegt wurde. Ein Mitarbeiter beantwortete gestern die Frage nach seinen Wurzeln sec: «Ich bi vom Marienfried!»
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Neutral
Grad nach Pfingsten ist Bürgerversammlung. Möglicherweise liest man in der Woche darauf in Zeitungsspalten, dass die Beteiligung klein gewesen sei, verbunden mit der Frage, wie repräsentativ denn eine solche Demokratie sei. Wie sagte Giovanni Guareschi, der Schöpfer von Don Camillo und Peppone? «Ein Kritiker ist eine Henne, die gackert, wenn andere legen.» Soweit würde ich nicht gehen. Gackern ist auch wichtig.

Allein der Umstand, dass der Gemeinderat mit seinen Geschäften vor die Bürgerschaft treten muss, lässt nicht allzu übermütig werden. Zudem gibt es keinen direkteren Weg als die Bürgerversammlung. Sie wirkt einem zweiten Spruch von Guareschi entgegen: «Politik besteht nicht selten darin, einen simplen Tatbestand so zu komplizieren, dass alle nach einem neuen Vereinfacher rufen.» Der Vereinfacher muss nicht der Heilige Geist sein. Dafür genügen die Bürgerinnen und Bürger, die teilnehmen. Zudem ist die Bürgerversammlung konfessionell neutral.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Bürger
Die Schweizerische Post ist neu im Mühlehof eingemietet. Das bisherige Lokal an der Neudorf-strasse gehört der Post Immobilien AG. Es steht leer, seit Monaten. Da fragt man sich: Wie rentiert das, Leerstand und Miete zahlen? Des Rätsels Lösung dürfte in den Unternehmensstrukturen liegen. Da hätte ein Betrieb dem anderen intern zuviel Miete zahlen müssen. Zügeln war günstiger. Klar: Wettbewerb belebt, macht den Geist wach. Guter Druck macht kreativ. Und so wird es an der Neudorfstrasse hoffentlich eine gute Nachfolge-Lösung geben.
Die Zeiten, als die Post noch die Post war, ist vorbei. Da gibt es Die Schweizerische Post AG, die Post Immobilien AG, die Postfinance AG, die Postauto Schweiz AG und viele weitere AG‘s, die aus der Post hervorgegangen sind. Das mag unternehmerisch sinnvoll sein, weil man besser auf die Kunden eingehen will. Hofft man.
Im Gegensatz zu «Kunden» kann man «Bürger» nicht auf Unternehmen aufteilen. Die Post der Bürgerinnen und Bürger landet bei der Gemeinde. Sie bleibt ein Gemischtwarenladen. Ohne Kiosk in der Schalterhalle.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Rundum
Am Sonntag ist das traditionelle Velorennen, erstmals «Rund um Uzwil». Es startet und endet in Oberuzwil. Früher gings «Rund um den Bühler». Die neue Streckenführung ist deutlich härter. Eine der 8 km langen Runden hat 128 Höhenmeter. Die Besten fahren 12 Runden, also 96 km weit und höhenmässig nicht ganz auf den Säntis.

Bei Velorennen gibt es zwischen durch Spurt-Wertungen, sie machen das Rennen interessant. Vielleicht hätten wir für den Ersten, der jeweils die Gemeinde-Grenze überquert, einen Preis ausloben sollen? Dann wüsste man endlich einmal genau, wo sie überhaupt ist.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Energie
Gratulation zum SM-Titel! Das erste Badminton-Spiel war dramatisch. Zwei Mal legte der junge Gegner vor, dann siegte die Erfahrung. Conrad Hückstädt gewann für Uzwil das erste Herren-Einzel 24:22, wehrte mit Hechtsprung ab, stand auf, machte den Punkt. Der Grundstein für die Titelverteidigung war gelegt. Als Zuschauer fragt man sich: Soviel Präzision bei diesem Puls, woher die Energie?

Woher die Energie? Diese Frage stellte am Dienstag auch der Energiestadt-Prüfer. Energiestadt ist Uzwil nicht einfach so. Das heisst Massnahmen umsetzen, ein langsamer Dauerlauf, beharrlich, mit und ohne Fukushima. Man hechtet nicht jedem Punkt nach. Uzwil wird zwar nicht Energiestadt-Schweizermeister, aber hoffentlich ein gutes Ergebnis erzielen.
Woher die Energie? Im Sport genügt staunen. Als Gesellschaft sollten wir’s wissen.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Gold
Ein Zettel steckt an der Windschutzscheibe. Schon wieder will jemand mein Auto kaufen, zum Schrottwert oder für den Export. Kurz darauf finde ich in der Post den nächsten miserabel gestalteten Zettel: «Ich kaufe Ihr Altgold zum Tageshöchstkurs!» Ok, der Goldkurs liegt immer noch auf dem Niveau von 2009 und höher als in den 30 Jahren davor. Nur: Gold habe ich keins und unseriöse Angebote qualifizieren sich selbst. Aber die Idee, wertvolle Materialien in ausgedienten Gegenständen sinnvoll zu verwerten, die verdient schon mehr Beachtung – «urban mining» heisst der Trend. Paradebeispiel: Aus einer Tonne ausgedienter Handys könne man 280 Gramm Gold gewinnen, die besten Goldminen liefern nur fünf Gramm Gold je Tonne Material. Ich behalte mein neues altes Auto. Wer wirft schon Gold weg.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Lücken
Besser öffentlich, besser privat? Wo liegen die Chancen und Risiken, wenn öffentliche Aufgaben in eine Aktiengesellschaft ausgelagert werden? Diese Frage haben die Gemeindepräsidenten der Region kürzlich diskutiert. Ein gemeinsames Verständnis ist für die regionale Zusammenarbeit wichtig. Man muss die Stolpersteine kennen. Wie sorgt man dafür, dass ein Verwaltungsrat nicht den Tarif erhöht, den Leistungskatalog anpasst, Investitionen tätigt, ohne dass die Aktionäre einverstanden sind? Vor allem wenn die Öffentlichkeit Hauptzahlerin ist? Wie ist das Prozedere, wenn das Unternehmen neue Geschäftsfelder erschliessen will und sich zusätzliche Partner sucht? Public Corporate Governance erschliesst das Thema neuenglisch.
Denkanstoss bietet der Konkurs der Biorender AG. Interessant ist auch, wie deutsche Städte versuchen, ihre privatisierten Wasserversorgungen zurückzukaufen. Natürlich: Es gibt auch gute Beispiele wie Spitalverbunde und Pflegeinstitutionen.

Mit der Privatisierung steigt die Regulierungsdichte, siehe Strommarkt-Liberalisierung. Überall, wo‘s unübersichtlich ist, gibts Lücken. Mir gefällt drum der einfache Lehrsatz, dass Aufgabe, Verantwortung und Kompetenzen im Lot sein müssen. Wer zahlt, befiehlt. Und wer befiehlt, zahlt.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Kur
Chefredaktor Werner De Schepper hat mir einen Kaktus geschenkt. Ich solle ihm trotz Stacheln einen Ehrenplatz auf dem Schreibtisch einräumen. Leider hat der Kaktus keine Stacheln. Man tut ihm unrecht. Er hat Dornen. Nun, muss man so präzis sein? Schliesslich können Medien das ganze Silvretta-Gebiet nach Österreich verlegen.
Thomas Stricker, Verwaltungsleiter und profunder Kaktus-Züchter, weihte mich in weitere Geheimnisse des Geschenks ein. Die botanische Bezeichnung sei Echinocactus grusonii. Er werde umgangsprachlich «Schwiegermutter-Sessel» genannt. Leider sei das Exemplar überdüngt und stamme vermutlich aus einer holländischen Zucht. Der Kaktus ist jetzt zur Kur auf der Veranda vorm Gemeindehaus – nur der Kaktus.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
PS: Rosen haben Stacheln, übrigens.

Am Seil
Engadin, Tuoi-Hütte. Die Morgensonne kitzelt rosa den Piz Buin. Die kleine Kletterei auf das Silvrettahorn vom Vortag steckt noch in den Knochen. Beim Aufstieg zum Jamspitz erzählt Bergführer Fredy Tscherrig aus seinem Erfahrungsschatz. Von schwierigen Entscheiden am Berg. Von seinen Herausforderungen als Hüttenwart der Turtmannhütte, mit dem Verband, mit dem Personal, mit dem Wechselkurs. Fredy Tscherrig erklärt einen Ausbildungsunterschied zwischen Schweizer und Deutschen Bergführern. In einer schwierigen Situation gehe in einer deutsch geführten Gruppe jeder allein. Der Schweizer halte seine Gruppe am Seil, vertraue auf die vereinten Kräfte. Wie das funktionieren kann? Indem alle aufmerksam sind, vorausschauend für die anderen agieren, sofort, vielleicht auch einmal zuviel. Einleuchtend, aber nicht risikolos. Und nicht zu erzählen, nur zu erleben.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Vollzug
Deregulierung. Ein Zauberwort. Inzwischen tief in der Versenkung verschwunden. Erlebt es im Parlament eine Auferstehung? Schön wäre: Der Gesetzgeber nimmt seine Aufgabe wahr und ernst. Er streicht Gesetze und Vorschriften. Was es nicht gibt, muss nicht vollzogen werden. Staatlicher Vollzug wird reduziert. Auf sauberem Weg.

Was erleben wir im Alltag? Man redet vom Abbau von Vorschriften und Gesetzen. Und weil man das nicht umsetzen kann, adressiert man seine Erwartungen an die Vollzugsbehörden. Sie sollen mit «Augenmass» und «gesundem Menschenverstand» klare Gesetzesaufträge strapazieren, nicht zu eng interpretieren. Einfach vor allem dann, wenns einem grad in den Kram passt.

Augenmass brauchts noch genug, wenn wir als Gemeinde Gesetze so umsetzen wollen, wie sie gedacht sind. Mir ist der Gedanke wohler: Auch der Gesetzgeber nimmt seine Aufgabe wahr. Er sagt, was Sache ist. Wir vollziehen. So, wie er es will.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Blattrand
Uzwil hat ein neues Polizeireglement. Und wir staunen, was uns die Medien da für Fragen stellen. «Nein, zum Warum und Weshalb müssen Sie nichts sagen. Sagen Sie einfach etwas zum Verhältnis Securitas und Polizei», so die Anweisung eines Radio-Reporters. «Ob wir den Finanzhaushalt mit Bussen aufbessern wollen?», so die wichtigste und blödsinnige Frage eines Printmedianers. «Und wie steht’s mit dem Spucken? Darf man das in Uzwil?». Mehr will dieser Journalist gar nicht wissen. Nichts gegen detaillierte Fragen, auch unbequeme. Trotzdem ärgert es mich, wenn der Zusammenhang nicht interessiert, man einfach ein paar Fragmente herauspickt.

Erkenntnis? Vielleicht ist der allgemeine Tipp an die Jungbürgerinnen und Jungbürger gar nicht so schlecht: sie sollen sich überlegen, welche Fragen man zu einem Thema doch hätte stellen müssen und weshalb sie nicht gestellt wurden. Über den Blattrand hinaus denken. Vielleicht hätten wir das ins Polizeireglement schreiben sollen.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Headhunter
Matura-Arbeiten. Was beschäftigt die aufstrebende Generation? Der kürzliche Besuch in der Kanti Wil hat sich gelohnt. Nicht weil ich bahnbrechende Neuigkeiten erfahren hätte. Wie junge Menschen an ein Thema herangehen, welche Fragen sie sich stellen, das war jedoch aufschlussreich. Allein die Themenwahl beeindruckte: «Staatliche Unterstützung für arbeitslose Banker»: Das gibt es kaum, die RAV’s sollten sich auf Berufsgruppen ausrichten. «Bringt der Pendlerabzug die gewünschte Wirkung»: Nein, keine lenkende Wirkung, aber Geld für den Staat. «Ethische Analyse von Videospielen»: Kant und Mill lesen verdirbt den Spass am virtuellen Töten. «Gefangen in vier Wänden, im Körper und in den eigenen Gedanken»: Eingesperrte, Tetraplegiker und Menschen mit Depressionen leiden ähnlich und können nicht schlafen. «Das Label Energiestadt mit Postenlauf durch Uzwil»: Es ist gar nicht so einfach, Menschen für Energiethemen zu sensibilisieren. «Hilfe, ich bin auf Hilfe angewiesen»: Einen Tag lang im Rollstuhl durchs Pflegeheim bringt neue Einsichten.

Gestaunt habe ich, mit welcher Präzision die jungen Menschen recherchiert, analysiert, interviewt und Lösungsvorschläge entwickelt haben. Und dass sich kaum ein Unternehmen für diese Präsentationen interessierte. Müsste ich heute für ein aufstrebendes Unternehmen engagierte junge Leute mit Grips suchen, ich wüsste, was ich täte.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Orangen
Verhandlungen. Immer wieder herausfordernd. Man will ans Ziel, schnurstracks. Mit jeder Antwort öffnet sich das Feld für neue Argumente. So dreht sich das Karussell munter. Wie kommt man da raus?Nach der Theorie soll man den Kuchen vergrössern, bevor man ihn teilt. Lehrbeispiel: Weshalb eine Orange teilen, wenn der eine die Schale zum Kuchen backen oder der andere den Saft zum Trinken will?

Theorie hin oder her. Ich bin froh, dass Menschen grosszügig sind und auch Lösungen zustimmen, wenn wir nicht auf alle Fragen die allesklärende Antwort haben. Der Landerwerb für den Radweg Henau – Niederstetten ist so ein ganz reales Thema. Wir sind auf die Zielgerade eingebogen. Und ich freu mich, wenn wir bald über der Ziellinie sind – ein Dankeschön den Betroffenen.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Nagelbrett
Uzwil fehlt etwas, eine richtige Fasnachts-Zeitung. So ein herzhaft boshaftes Blatt mit phantasievollen Verschwörungstheorien, mit distanzlos-humorigen Kommentaren. Der kaputte Allwetterplatz wäre ein gefundenes Fressen. Welche wunderbare Geschichte könnte man zum Spielplatz am Marktplatz konstruieren. Das Wasserspiel am Bahnhof böte viele Assoziationen. Das neue Gemeindehaus und die Euro-Krise könnte man erstklassig verwerten. Man könnte auch Fraktionen gegeneinander antreten lassen: jene, die mehr Abfallkübel wollen gegen jene, die weniger wollen. Oder die Baum-Fraktionen. Oder die Bushalte-Stellen-Fraktionen. Wenn ich mir vorstelle, was wir uns, Gemeinderat und Gemeindepräsident, selbst alles vorwerfen könnten, zu hohe Steuern und das Lädeli-Sterben.

In Flawil scheint die «Chratzbörschte» vor dem Aus. Und ich hätte gern eine. Vielleicht bin ich leichtsinnig: Wer behauptet nicht, er ertrage guten Humor und dann sticht’s doch? Feine Nadelstiche sind wie Akkupunktur, halten gesund. Auch auf einem Brett mit vielen Nägeln liegt sich’s besser. Eine Fasnachts-Zeitung ist eben Kur und Kür.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Dating
Mittag. Sitze allein am Tisch, lese mehr zum Entscheid der Nationalbank. Als die Suppe serviert wird, bekomme ich ein Gegenüber. Ob sie mir schnell ein Anliegen mitgeben dürfe? Klar. Ich löffle und höre zu. Die nette Dame verabschiedet sich, ich notiere die neue Aufgabe. Pause. Als der Salat kommt, erbarmt sich ein Herr der gemeindepräsidialen Einsamkeit, nimmt auf dem freien Stuhl Platz. Eine kleine Frage zu Bauarbeiten in der Nachbarschaft? Kein Problem. Ich versuche die Salat-Blätter mit der Gabel zusammenzufalten und ohne Saucenspritzer auf dem Hemd zu essen. Vor dem Hauptgang ist der Fall gelöst. Mit der Polenta kommt der nächste Gesprächsgast. Ob er die Gelegenheit nützen dürfe? Logisch. Der Vereinspräsident schildert sein Thema. Zum Dessert gibt‘s Vermicelles und ein neues Vis-à-vis. Die Zeit gut nutzen, das müssen wir, Wirtschaft und Staat, aufgrund der neuen Kursentwicklung ohnehin. Sympathisch kurze Wege – freut mich, diese Uzwiler Haltung. Auch als Antwort auf den Entscheid der Nationalbank. Speed-Dating der andern Art.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Steuernn
«Steuern» oder «steuern», die Bedeutung von Substantiv und Verb könnten unterschiedlicher kaum sein. Als Lenker, Pilot oder Kapitän bestimmt man den Weg und das Ziel, als Steuerzahler beides nicht, scheinbar. Kein Wunder ist «steuern» beliebter als «Steuern». Die Schweiz möchte deshalb ein möglichst wenig ungerechtes System, wie sichs für eine Demokratie gehört. Das System wird dennoch immer komplexer. Mit der Regelungsdichte steigt die Zahl der Ausnahmen und damit der Schlupflöcher. Automatische Meldungen sind das Gegenmittel. Aus dem Bankenwesen kennt man sie schon. Jetzt kommt das auch im Steuerwesen.

Algorithmen prüfen uns auf Herz und Nieren, melden, was nicht zusammenpasst. Nicht nur zu meiner Freude. Technische Helferlein mögen dem Steueramt die Arbeit erleichtern. Immerhin musste man wegen der Steuererklärung einmal im Jahr Kassensturz machen. Das ist nicht so schlecht. Und die Selbstdeklaration nimmt einen als Staatsbürger in die Pflicht. Fällt sie weg, sinkt zwangsläufig die Identifikation mit dem Gemeinwesen: Es kommt nicht mehr auf mein Gefühl von Ehr und Redlichkeit an. Nicht mehr, was ich von mir selbst deklariere, sondern was die Technik für plausibel hält. Steuern ist vielleicht doch steuern.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Medizin
«Den Gemeindepräsidenten kannst Du belügen, den Hausarzt besser nicht!», erklärte mir ein deutscher Landarzt augenzwinkernd. Dem Hausarzt bringt man sich, dem Spezialisten das kranke Organ, brachte es Ludwig Hasler im Buch ‚Des Pudels Fell‘ auf den Punkt.

Die Hausärzte fühlen den Puls der Gesellschaft. Im kürzlichen Austausch ging es um ethische Fragen wie die Pflege von Sterbenden. Es geht um gesellschaftliche Fragen wie schulärztliche Aufgaben oder Impfungen von schweren Krankheiten wie Masern oder Windpocken. So lange die Impfrate ausreichend hoch sei, bestehe wenig Gefahr für die Gesamtbevölkerung, gehe nur der Einzelne ein Risiko ein – mit Betonung auf «so lange». Diskutiert wurde auch, ob ein Ausbau der Spitex für die Nacht ärztlich notwendig sei. Es ging auch um scheinbar banales: die offiziellen Haus-Nummern fehlten oft. Die Designer-Zahlen erkenne man nicht, wenn man in Eile und im Dunkeln nach der ‚richtigen‘ Hausnummer suche. Der Arzt verliere wertvolle Zeit.

Die Zeiten ändern sich. Es gibt Dinge, die früher besser waren. Um das zu schätzen, müssen sie schlechter werden. Ein Fall für die Philosophie, die Medizin oder für den Hausarzt.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Format
Die Regierungen der Ostschweiz befürchten einen medialen Einheitsbrei ohne regionalen Bezug. Sie haben kürzlich beim Verwaltungsrat der NZZ interveniert. Ob’s etwas nützt? Das Internet hat die Kommunikation verändert und wirkt auf das Familiengefüge, die Geschäftswelt und das Staatsverständnis.

Ein paar Thesen dazu: Verheiratet sein ist in 30 Jahren nicht mehr das häufigste Lebensmodell. Das Eigenheim ist kein Lebensziel mehr, man nutzt Wohnraum auf bestimmte Zeit. Geregelte Arbeitszeit gibt es nicht mehr. Grenzen von Staaten lösen sich auf. Wichtiger wird die direkte Nachbarschaft. Politische Parteien werden ersetzt durch zahlreichere Gruppierungen, die auf ein bestimmtes Thema fokussiert sind. Man ist nicht im Theaterverein, sondern macht in einem Theater mit, als Projekt. Der fähige Handwerker kann einen «Bonus» verlangen, wenn er meine Toilettenspülung vor Ihrer repariert.

In dieser Zeit des Umbruchs geben wir erstmals das «Uzwiler Blatt» heraus. Auf Papier. Das Format ist grösser als A4, Tabloid. Die Schrift ist grösser als in einer Zeitung, der Zeilenabstand auch. Das Papier ist etwas fester. Das prägt den ersten Eindruck. «Format haben» ist dann aber eine Frage des Inhalts und des Horizonts. Drum finden Sie hier in Kürzest-Form auch, was bei unseren Nachbarn läuft. Unsere Welt ist weiter.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
Zum Schluss
Gestern traf ich meine Vorgänger, Siegfried Kobelt und  Werner Walser, hörte Uzwiler Anekdoten. Meine Schlussfolgerung: Zu Kobelt's und Walser's Zeiten war man nicht nur Gemeindepräsident, sondern Gemeindammann. Das ist ein feiner Unterschied. Bei der Rolle "Gemeindammann" geht die integrale Sorge um Mensch, Wirtschaft und Umwelt weiter. Präsidenten gibt es viele.

"Wer nicht sät, kann nicht ernten ..." Mit dieser Haltung gings durchs Jahr, durchs Leben. Darauf bedacht, möglichst viel richtig zu tun, auf dass es Ertrag bringen möge. Für Leib und Seele. Für andere und sich selbst. Und dann ist Adventszeit, Weihnachten, das Jahr geht zu Ende. Zeit, Rückschau zu halten. Da fällt mir auf, dass der Satz eine Fortsetzung braucht: "... und wer nicht erntet, kann nicht säen!" Wenns so einfach wäre, das Ernten. Dazu gehört das Vertrauen, dass man aus der Ernte wieder Saatgut gewinnen kann. Dass etwas eine gute Fortsetzung findet, wieder keimt. Für diese Hoffnung steht Weihnachten.

Darf man so etwas überhaupt schreiben? Der Gemeindepräsident ist Präsident kein Seelsorger. Diese Frage stellte sich früher der Gemeindammann nicht. Er wünschte Ihnen einfach schöne Weihnachten. Und das tu ich jetzt auch.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
lucas.keel@uzwil.ch

Glauben
Es weihnachtet. Einkaufen. Auch im Internet. Dank unseren elektronischen Spuren weiss der Händler, dass Sie aus der zahlungskräftigen Schweiz sind. Ob Sie von einem teuren PC aus shoppen oder mit einer lahmen Kiste. Je nach Profil zeigt Ihnen der Online-Shop einen anderen Preis fürs selbe Produkt. Am Morgen ist’s tendenziell günstiger als am Abend. Nach dem 25., dem Zahltag, ist’s teurer, auch vor Festtagen. Die Preise wechseln stündlich. Kein Wunder sammeln Unternehmen wie verrückt Nutzer-Daten. Sie wollen den «optimalen» Preis.

Ab 2015 gibt die Gemeinde Uzwil ein amtliches Publikationsorgan heraus. "Da brauch ich dann keine Zeitung mehr und spare mir das Abo!", könnte man sich sagen. "Nein!", sage ich dazu. Sie zahlen die Informationen sowieso. Entweder zahlen Sie mit dem Abo Ihre Zeitung. Oder Sie zahlen beim Einkaufen die Inserate in der Zeitung. Die Online-Nutzer zahlen mit den eigenen Daten, die morgen den Preis machen. Beim Zeitungs-Abo kennt man den Preis wenigstens.

Nur informierte Bürger können sich eine Meinung bilden. Seit Mitte November gilt im Kanton St.Gallen das neue Öffentlichkeitsgesetz. Damit Bürger erfahren können, was der Staat tut. Wobei alles seine Grenzen hat. Dass ich diese Texte schreibe, müssen Sie beispielsweise einfach glauben. 
Lucas Keel
Gemeindepräsident
lucas.keel@uzwil.ch

Notvorrat
"Kluger Rat, Notvorrat", dieser Slogan ist kalter Krieg. Das aktuelle Merkblatt des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung ist aus dem Jahr 2009. Es empfiehlt einen "Sixpack". Müssen wir jetzt also bauchmuskelgestählt in den Zivilschutz-Keller? Bisher waren schlechte Zeiten die beste Rechtfertigung für den Bauch! Nun, auch diese Illusion sei freudlos beseitigt: das Merkblatt meint einen Sechser-Pack Wasser. Dem Bauch darf's nach dem Bundesamt auch gut gehen. Für eine Woche sollen haltbare Lebensmittel im Haus sein, pro Person, plus Medikamente, Zahnbürste, WC-Papier und Batterien fürs Radio.

Notvorrat, das ist auch dieser Text. Er lagert seit dem 24. Dezember 2013 bei der Redaktion des St.Galler Tagblatts. Daran, dass er jetzt publiziert wird, können Sie erkennen, wie lange es dauerte, bis ich in den Keller musste, keine Zeit hatte oder eine Panne. Der Nährwert von Textkonserven ist beschränkt, im Gegensatz zum klugen Rat, Notvorrat.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
lucas.keel@uzwil.ch

Studli
Sind Sie Fritz Studli schon begegnet, dem pensionierten Redaktor mit Dackel und Stumpen? Er beobachte vom Stammtisch aus das Uzwiler Geschehen. Was er wohl morgen zur letzten Bürgerversammlung schreibt? Ein Risiko geht er nicht ein. Denn Studli gibt es nicht. Er ist fiktiv, eine Kunstfigur, ohne Körper, deshalb ohne Gewicht. Trotzdem kann er auf die Füsse treten. Gelegentlich zu Recht. Etwa, wenn er feststellt, dass der Uzwiler Gemeindepräsident zu oft in die Kamera grinse. Studli rüttelt auf. Er beleuchtet die Investitionen der Gemeinde kritisch, trauert Hockey-Zeiten und Fasnachtsbeizen nach, spricht schlecht übers Zentrum.

Dass Studli mich ärgert, ist politisch notwendig und nicht weiter tragisch. Umgekehrt muss ich ihn auch nicht gut finden. Im Geiste hatte ich schon mal seinen Nachruf verfasst "Wir trauern um Fritz Studli usw." und bin ob meines Gedankens erschrocken. Ich erinnerte mich an Andrej Kurkow's Buch 'Picknick auf dem Eis'. In diesem Buch verdient ein Schriftsteller seinen Lebensunterhalt, indem er Nachrufe schreibt, Nekrologe. Speziell daran: Er schreibt sie auf Vorrat, die beschriebenen Personen leben alle. Noch. Denn kaum hat er den Nachruf der Zeitungsredaktion abgeliefert, schlägt die Mafia zu.

Hoppla, das sind schwarze Gedanken. Allerdings: Studli lebt nicht, existiert gefahrlos. Und ich kann ebenso gefahrlos schreiben, muss den södrigen Stumpenraucher von gestern samt Hund nicht schonen. Er könnte mir ja auch als frisch-dynamisch frecher Zeitgeist auf die Füsse treten. Das wird er sich nicht bieten lassen. Kontroverse ist das Salz in der Suppe. Ich bin gespannt, was morgen in der Wiler Zeitung steht.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
lucas.keel@uzwil.ch

Adrenalin
Vorbereitung ist eine Frage des Respekts. Nur: wieviel Vorbereitung muss sein? Am Montag ist Bürgerversammlung. Der Gemeinderat könnte versuchen, in seinen einführenden Referaten jede erdenkliche Frage vorweg zu nehmen. Und so Vorbereitung beweisen. Das werden wir aber nicht tun. Sie hören zu Beginn eine kurze Einschätzung des Gemeinderats zu aktuellen Themen und zur Finanzlage. Dann sind Sie am Zug. Sie bestimmen mit Ihren Fragen, was Sie genauer wissen wollen. Wer fragt, führt. Und die Bürgerversammlung ist Ihre Plattform. Wenn Sie im Budgetheft keine Antwort finden, sollen Sie fragen. Und wir hoffen, sofort Antwort geben zu können. Auf dass gute Beschlüsse getroffen werden. Und dafür bereiten wir uns vor. Der Adrenalin-Spiegel nämlich schon mal steigen. Vielleicht kommt man drum an eine Bürgerversammlung? Ich bin froh, wenn's wieder vorbei ist.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
lucas.keel@uzwil.ch

Zukunftstag
Was macht Papa den ganzen Tag? Am Zukunftstag können Kinder ihren Eltern über die Schulter schauen. Das war gestern, tolle Sache. Womit ich nicht gerechnet hätte: es ist nicht ganz einfach, unter diesen Voraussetzungen diesen Text rechtzeitig abzuliefern. Mein Fahrplan ist völlig durcheinander. Jetzt ist es 17:24 Uhr. Redaktion und Tochter wollen langsam nach Hause. Ja, was hat ein Gemeindepräsident seiner Tochter einen ganzen Tag zu bieten? Hochwasserschutzmassnahmen, das Gemeindehaus-Projekt, Baubewilligungen, Raumplanung, Aktennotizen. Dabei sein, wie man stossweise Gemeinderatsbeschlüsse unterzeichnet und Rechnungen visiert, Fragen stellt. Vom Werkhof haben wir Tausalz mit, vom kaputten Allwetterplatz verklumptes Granulat. Welchen Eindruck nimmt ein Kind von einem Gwerblerkafi mit? Vier Themen in 15 Minuten ansprechen? Und immer schön locker bleiben. Sich erklären, einen ganzen Tag. Ich bin nudelfertig, meine Tochter noch fit. 17:42 Uhr.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
lucas.keel@uzwil.ch

Stillstand
«Acht Regeln für totalen Stillstand». Wer mit diesen Worten im Internet sucht, findet ein Referat von Prof. Dr. Peter Kruse als Video. Eine seiner Regeln heisst «gründlich nach dem Schuldigen suchen». Das absorbiert viel Energie und ist ein Garant für Stillstand. 

Ob positiv oder negativ: Kann etwas passieren, ohne dass jemand schuldig ist? Lässt das unsere Gesellschaft zu? Bei tragischen Unfällen kommt es vor, dass sich Verursacher und Betroffene, allenfalls auch Hinterbliebene, gern versöhnen würden. Trotzdem müssen sie sich vor Gericht bekriegen. Weil es sonst keine Versicherungsleistungen gibt. Das führt zu abstrusen Situationen. Man würde gern um Entschuldigung bitten. Und darf nicht. Oder ein Lieferant weiss längst um einen Fehler und hofft, dass er unentdeckt bleibt, bis die Garantiefristen abgelaufen sind. Sich versichern bedeutet nicht nur absichern, sondern auch einen Teil Menschlichkeit abgeben. Es fällt schwer, Wut und Ärger abzulegen. Nach dem Schuldigen suchen ist der logische Reflex. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Stillstand.
Lucas Keel
Gemeindepräsident

Bonbon
Plötzlich sind da kleine Hände auf dem Tresen. Niemand zu sehen. «Kann ich nochmals einen Bonbon haben?», fragt es aus dem Untergrund. Die Dame am Empfang des «Blauen Engels» entdeckt ihre Kunden erst, als sie sich über die Theke beugt. Die Kinder vom Chinderhus Rägeboge waren vorübergehend im Business House zu Gast. Zum Mittagessen. Bis das Haus Schöntal fertig umgebaut war. Tempi passati. Der Geschäftsbericht mit dem Voranschlag 2015 wurde grad verteilt. Mit dem Bild wie die Kinder um 12:16 Uhr brav essen. Das Bild ist heute veraltet. Und trotzdem wirkt es nach. Weil es einen Schritt auf dem Weg zu etwas Dauerhafterem zeigt. Mehr als der Schnappschuss aus dem Blauen Engel freut mich, dass sich der Verein Chinderhus Rägeboge in Bühler’s Haus Schöntal einquartieren konnte. Neues Leben zieht ins Haus. Damit Familie und Wirtschaft funktionieren. Und das ist wirklich kein Zuckerschlecken.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
lucas.keel@uzwil.ch
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Illusion
Treffen mit Stadt- und Gemeindepräsidenten von Baden Württemberg. Ein Austausch über die Grenzen, Inspiration. Wie schafft man dort den Interessenausgleich? Was kann man von öffentlichen Körperschaften in einem anderen Umfeld lernen?

Kurze Wege, schnelle Entscheide. Das ist des Bürger's Anspruch, Herr Gemeindepräsident! Also lehnt sich dieser aus dem Fenster, beansprucht seine Kompetenzen, schätzt ab, wozu die Ratskolleginnen und -kollegen noch Ja sagen. Für den Bürger, der etwas will, hat der Gemeindepräsident schier unendliche Kompetenzen. Man traut ihm zu, dass er jede Lärmquelle ausmerzt, Verkehrsinseln über Nacht beseitigt, Bushaltestellen verschiebt, Stützmauern, Photovoltaik-Anlagen und ganze Industriebetriebe in 15 Minuten bewilligt und Raser zähmt. Diese Illusion ist zu schön. Sie wird richtig schön, wenn man die deutschen Bürgermeister über die Regulierungswut der EU wettern hört.
Lucas Keel
Gemeindepräsident
lucas.keel@uzwil.ch
Panschen
Milch durch Wasser ersetzen - ein alt bekannter Trick. Im Mittelalter wurden betrügerische Bäcker in einem Korb über eine grosse Jauchegrube gehängt. Wollten sie raus, mussten sie springen.
   Und heute? Das Amt für Verbraucherschutz kontrolliert die ganze Lebensmittelkette im Kanton, 6 000 Betriebe. Bakterien werden mikroskopisch, Betrüger detektivisch aufgespürt. Von all dem merken Herr und Frau Schweizer im Alltag nichts.
   Kontrolle tut Not. Wir geben immer weniger fürs Essen aus. Pferde- im Rindfleisch ist kein Zufall. Sägemehl im Orangensaft auch nicht. Wenn man Verpackung und Transport hinzurechnet, fragt man sich, wie Essen überhaupt so billig sein kann. Ob es so billig sein muss? Faire Preise wären mir lieber als Subventionen.
   Und wie ist's mit dem Ausland? Kann ein Schweizer Lebensmittelinspektor dort auch etwas essen, ahnend was da kreucht und fleucht?
Lucas Keel
Gemeindepräsident
lucas.keel@uzwil.ch
Neckless??
Kann man heute noch etwas erfinden? Ist nicht das Meiste schon einmal gedacht worden? Die Uzwiler Band Neckless hat nicht nur den MyCoke-Music- Soundcheck, ein Schweizer Talent- Wettbewerb, gewonnen. Die fünf haben sich neu gedacht: Die Indie-Rock-Band musikalisch einzuordnen, sei kaum möglich, schrieb ein Kritiker. Zudem haben sie ein neues Wort kreiert. «Neckless» gibt’s in keinem der drei Wörterbücher, in denen ich gesucht habe. Ich kann mir zwar einen Reim machen, was «Neckless» bedeuten könnte. Wer’s genau wissen will, geht morgen Samstag nach dem Herbstmarkt um 16.00 Uhr in die Uzehalle! Auf dass EHC Uzwil beim anschliessenden Startspiel nicht neckless spielt.
Lucas Keel Gemeindepräsident Uzwil
lucas.keel@uzwil.ch
Bio
Steak, Entrecote, Filet, Schinken, Nüssli, Haxen. Wir essen gern gutes Fleisch. Auch eine gute Wurst oder etwas Speck. Wir kaufen Fleisch gut gelagert, in der jeweils gewünschten Farbe, mariniert, vakuumverpackt, in der optimal ausgeleuchteten Theke.
Und was ist mit all den Innereien und Schlachtabfällen? Wir blenden sie aus. Es gibt sie trotzdem. Biorender macht aus diesen tierischen Stoffen Biogas. Das Werk in Münchwilen läuft aktuell stabiler als je zuvor.
Und trotzdem hatte die innovative Idee von Beginn weg einen Fehler: Man wollte eine (kluge) Entsorgungsaufgabe über den Preis des Biogas finanzieren. Das wird zu Recht kritisiert - man kann Biogas auch billiger kaufen.
Die Aktionäre haben sich in einem Bindungsvertrag verpflichtet, das Biogas von Biorender abzunehmen. Über den Gaspreis bestimmen die Aktionäre ganz direkt die Finanzlage der Biorender AG. Die Parlamente der Städte Wil und Winterthur futieren sich um diese Verpflichtung. Und dürften damit die anderen Aktionäre schädigen, ganz direkt. Kann man mit diesen Parlamentsgemeinden noch Verträge abschliessen? Ein neuer Gedanke.
lucas.keel@uzwil.ch
Gemeindepräsident
Wiederholt
"Habe ich das schon erzählt?" Man eilt von Sitzung zu Besprechung, schreibt, telefoniert, kommt nach Hause, trifft sich mit Freunden. Wer weiss was schon? Dieser Überblick ist nicht immer einfach. Kürzlich wollte ich eine Sitzung der Fachgruppe Mobilität der Region Wil absagen, war überzeugt, dass alles klar ist. "Aber nicht für die Anderen!", bestand die Geschäftsführerin Anne Rombach auf dem Termin.

Die selbe Information, die alte Geschichte zum x-ten Mal hören. Das kann innerlich aufregen, säuerlich machen. Beruflich und privat. Was tun? Brutal abkürzen, die Pointe vorwegnehmen? Oder geduldig professionell ertragen? Für die Neuzuzüger sind die Uzwiler Anekdoten neu, für alle andern ist's alter Kaffee. Es gibt Menschen, die reden trotz freundlichem Hinweis unbeirrt weiter. Sagen Sie: "Habe ich das schon erzählt?";
Lucas Keel
Gemeindepräsident
Rechtzeitig
Vor ein paar Monaten lud die Clientis Bank zu einer Veranstaltung "Planung der Pensionisierung". Mich hat interessiert: Was erzählt ein Finanzinstitut "meinen" Bürgern und was bewegt die Menschen heute zu diesem Thema? Der Anlass war gut besucht, die Referenten kompetent. Insgesamt ein guter Abend mit anregenden Gesprächen, das Publikum mehrheitlich um 60.

Ich bin selten irgendwo zu früh. Zu meinem Erstaunen auch hier nicht. Mit jedem Referat verstärkte sich mein Eindruck: mit 45 Jahren bin ich nur noch knapp rechtzeitig. Und das nur von Amtes wegen. Drum erzähle ich das. Für alle, die noch im Mittelalter stecken und nicht an solche Anlässe müssen. Ob man mit 65 etwas zu planen hat, hängt davon ab, ob man mit 45 geplant hat - auch wenn die EZB den Leitzins auf 0,05 (!) % senkt.

Jetzt gehe ich auf den Ausflug mit unseren Pensionierten, treffe also auf die versammelte Erfahrung zum Thema Ruhestand. Wie sagte William Somerset Maugham? Wenn man genug Erfahrung gesammelt hat, ist man zu alt sie zu nutzen.
Lucas Keel
Gemeindepräsident